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Capello unter Druck

Fabio Capello ist der älteste und teuerste Trainer der WM-Endrunde. Der 68-jährige Italiener ist mit Russland nach nur einem Punkt aus zwei Spielen unter Zugzwang.

Fabio Capello wirkt angespannt in diesen Tagen. Die Kam­pa­gne seiner Mannschaft in Brasilien läuft alles andere als nach Plan. Zuerst der zögerliche Auftritt beim 1:1 gegen das bescheidene Südkorea nach dem monumentalen Fehler von Torhüter Igor Akinfejew, dann die Last-Minute-Niederlage gegen Belgien. Gegen Algerien hilft nur ein Sieg, sonst ereilt Russland das gleiche Schicksal wie an den Turnieren 1994 und 2002, als es bereits nach der Vorrunde die Koffer packen musste. In den eigenen Händen hat Capellos Team die Achtelfinalqualifikation allerdings nicht mehr, es ist auf die Schützenhilfe Belgiens angewiesen.

Kritik am Defensivfussball

Bereits vor der Partie gegen Belgien war Capello an der Pressekonferenz knorrig aufgetreten. Er fuhr energisch dazwischen, als ein russischer Journalist dem Captain Wassili Beresuzki vorgeworfen hatte, dass sich die Mannschaft nach der Partie gegen Südkorea bei den mitgereisten Fans nicht verabschiedete. «Das stimmt nicht. Sie müssen die Wahrheit schreiben», wies Capello den Journalisten zurecht. Nach der Partie gegen Belgien warteten die Fans allerdings vergeblich auf eine kleine Aufmerksamkeit ihres Teams. Einige hatten Tausende von Franken bezahlt und den weiten Weg von Moskau über Zürich und São Paulo nach Rio de Janeiro auf sich genommen, nur um das eine Spiel ihrer Mannschaft im Maracanã-Stadion zu sehen.

Capello hatte da bereits andere Sorgen, als sich um das Wohl der Fans zu kümmern. Auch wenn er die Mannschaft für ihre Leistung lobte und von einer «ungerechten Niederlage» sprach, wusste er, dass die Kritik aus der Heimat auch am sportlichen Auftritt nicht auf sich warten lassen würde. Die Art und Weise, wie Russland spiele, passe überhaupt nicht zu dem an der WM gezeigten Offensivfussball, hiess es bereits nach dem Südkorea-Spiel. Schuld sei der Trainer, dessen Teams allerdings noch nie für einen spektakulären Spielstil gestanden hatten. Der Zweck, sprich die Resultate heiligten in Capellos Verständnis des Fussballs schon immer die Mittel. Gehörte er als Klubtrainer bei der AC Milan, der AS Roma, Real Madrid und Juventus Turin zu den erfolgreichsten der Welt, blieb er als Nationaltrainer Englands mit dem Achtelfinal-Out vor vier Jahren in Südafrika vieles schuldig.

Ziel WM 2018

Rio Ferdinand äusserte sich in seinem Blog in der «Daily Mail» kritisch über Capellos Zeit in England. Als Spieler habe er mehr Kreativität vom Italiener erwartet. «Wir hatten eine Gefängnismentalität in unserem Camp, welche unser Leben erstickte», schrieb der ehemalige englische Internationale. «Sein Haltung war: ‹Ich bin der Boss und ihr müsst tun, was ich sage.›»

In Russland war der Führungsstil des Disziplin-Fanatikers Capello bislang kaum kritisiert worden. Er, der das Team nach der Vorrundenpleite an der EM vor zwei Jahren übernommen hatte, führte die Mannschaft souverän durch die Qualifikation nach Brasilien. Als Dank wurde sein Vertrag um vier Jahre verlängert, auch mit dem Auftrag, ein schlagkräftiges Team für die Heim-WM 2018 aufzubauen.

In Brasilien sollte der eingeschlagene Weg fortgesetzt werden. An einer Qualifikation für die Achtelfinals zweifelte vor dem Turnier kaum einer. Optimisten zählten ihr Team sogar zu den Aussenseitern im Kampf um den Titelgewinn.

Biederer Durchschnitt

Nun droht die Gefahr, sogar das Mindestziel zu verpassen. Die K.-o.-Runde hat Russland seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion nie mehr erreicht. Verfügte die UdSSR damals mit Spielern wie Igor Belanow und Rinat Dassajew über eines der stärksten Teams der Welt, verkörpert die «Sbornaja» auch unter Capello nur biederen Durchschnitt. Die Russen gehören in Brasilien zu den laufstärksten Teams, sind gut organisiert, technisch versiert, aber sonst?

Dem Team fehlen Esprit und Ausnahmekönner wie Andrej Arschawin, der Russland 2008 in den EM-Halbfinal führte. Auf den langjährigen Captain hatte Capello bereits während der Qualifikation verzichtet. Er will im Hinblick auf 2018 um Spieler wie Maxim Kanunnikow, Alexander Kokorin oder Oleg Schatow eine schlagkräftige Mannschaft aufbauen, das Gros der Spieler in Brasilien dürfte auch in vier Jahren noch dabei sein. «Das Turnier ist für uns eine Bühne, um das Niveau kennen zu lernen, das wir für eine WM brauchen», so Capello.

Um den Aufbau nach der WM in Ruhe fortsetzen zu können, braucht aber auch Capello Erfolg – am besten bereits heute in Form eines Sieges und der Qualifikation für die Achtelfinals. Im Fall eines Scheiterns droht Gegenwind. Ein vorzeitiger Rauswurf des Italieners käme den russischen Verband allerdings teuer zu stehen. Capello lässt sich seine Dienste pro Jahr rund zehn Millionen Franken kosten. si

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