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Carlo Bergonzis einzigartige Kunst

Der italienische Tenor Carlo Bergonzi, Verdis Statthalter auf Erden und ein überragendes Sängerideal, starb am Freitag in Mailand kurz nach seinem 90. Geburtstag. Alt geworden ist er spät, noch 2001 trat er in Zürich auf.

Carlo Bergonzis Zeit gehört eigentlich in eine längst vergangene Epoche. Er war einer der tonangebenden Opernsänger der Fünfziger- und Sechzigerjahre, er war der grosse Stilist der italienischen Oper, unübertroffen in der musikalischen Gestaltung und Verkörperung der grossen Tenorpartien in den Werken Giuseppe Verdis, aber auch Donizettis oder Puccinis und der Veristen. Dass man seiner nun gleichwohl nicht mit der Distanz des Historikers gedenkt, sondern sich von einem noch nahen Künstler verabschieden muss, hat verschiedene Gründe. Zum einen dauerte Bergonzis Karriere bis ins neue Jahrhundert hinein. Zum anderen bleibt gültig und ist bestens dokumentiert, was Ber­gonzis einzigartige Kunst ausmachte – die perfekte Balance von Stimme und Sprache (man konnte nirgendwo ein schöner gesprochenes Italienisch hören, als wenn er sang), der Ausgleich von Eleganz der Phrasierung und emotionaler Kraft des Ausdrucks (man erlebte nirgendwo stärkere Identifikation mit der Bühnenfigur, die er verkörperte), die Verbindung eines eigenen, unverwechselbaren Timbres mit einer Stimme von gleichsam instrumentaler Reinheit und Schönheit. Instinkt und Arbeit Bergonzis Vorbildlichkeit, was musikalische Phrasierung, Interpretation, was die «messa di voce» betrifft, hat junge Sänger aus aller Welt nach Busseto pilgern lassen. In der Verdi-Stadt zwischen Modena und Parma, in deren Nähe auch Bergonzi 1924 geboren war, betrieb er nicht nur ein Hotel, das er nach einer Verdi-Oper «I due Foscari» taufte. Hier gab der «Custode del canto verdiano», wie er respektvoll genannt wurde, auch seine Kunst an junge Sängerinnen und Sänger weiter, soweit sie sich als Arbeit an der Stimme vermitteln lässt und nicht von fraglosem Instinkt oder höherer Gnade ist. Verbunden war dieses Wirken mit dem 1961 gegründeten Concorso Internazionale Voci Verdiane Busseto, dessen Ehrenpräsident auf Lebenszeit Bergonzi war. Der Altmeister und die Jüngerschar: Für manchen Künstler läuft die Karriere auf diese Spätblüte hinaus, bei Bergonzi verhielt es sich etwas anders. Er war über die sechzig hinaus, als man ihn 1986 auf der Piazza in Busseto in einer Inszenierung von Verdis «Luisa Miller» unter den jungen Preisträgern in der Tenorpartie erleben konnte – ein sängerisch frischer, elastischer Rodolfo und eine unvergesslich ausgeleuchtete Finalszene, die im Frühwerk den späten Verdi ahnen liess. Aus dem Fokus Ein Ausnahme war dieser Auftritt nicht, auch wenn in den Achtzigerjahren längst andere das Tenor-Szepter übernommen haben. In der Ära Pavarotti, Carreras, Domingo schien Bergonzi vergessen zu gehen, aber er geriet nur aus dem Fokus des Grand Cirque, seine Auftritte blieben zahlreich. Zwar löste das Konzertpodium mehr und mehr die Bühne ab, aber noch 1985 war man in der italienischen Provinz wie an der Covent Garden Opera von seinem Edgardo («Lucia di Lammermoor») hingerissen. Dass sein letztes Experiment mit einer Verdi-Partie unglücklich verlief, war für ihn wohl eine schmerzliche Niederlage, denn es handelte sich um die einzige grosse Verdi-Partie, an die er sich noch nicht gewagt hatte: Otello. Eine konzertante Aufführung in der Carnegie Hall im Jahr 2000 musste der nun 76-Jährige abbrechen. War es das Alter, war es die Klimaanlage? Passierte es, obwohl oder weil er die Generalprobe voll ausgesungen hatte? Man mag das auf sich beruhen lassen und sich lieber an die fantastischen Abende erinnern, die er auch im hohen Alter mit Arien- und Liederrezitals bot, nicht zuletzt auch in Zürich. Ein Zürcher Kapitel Und weil diese Begegnungen einem nahegingen, sind sie auch noch nahe. Das fast mirakulöse Zürcher Bergonzi-Kapitel begann – nach zwei Gastspielen 1957 («Un ballo in maschera»), 1965 («Andrea Chénier») und einem Konzert mit dem Orchestra del­l’ Emilia Romagna 1986 in der Tonhalle, das als Comeback-Konzert vom Publikum bejubelt wurde – mit einem Arien- und Liederabend im September 1991. Er endete unter vielen Zugaben im frenetischen Jubel und zog zum Glück weitere ähnliche Auftritte nach sich, immer bei vollem Haus und auch schon mal mit einem Intendanten, der vor dem Sänger niederkniete. Sängerisches Gestalten Bergonzi feierte 1991 sein 40. Bühnenjubiläum als Tenor. Nach einem ersten Debüt als Bariton 1948 folgte bald der Fachwechsel und 1951 mit «André Chénier» in Bari der Start der glanzvollen Tenorkarriere. 1953 sang er erstmals an der Scala, 1955 gab er sein Amerika-Debüt in Chicago, 1956 mit Radames das Met-Debüt, 1962 wurde er als Alvaro an der Covent Garden gefeiert. Zahl­reiche Studioeinspielungen entstanden, die heute zum diskografischen Standardrepertoire gehören. Ein besonderes Vermächtnis ist die Einspielung von 31 Verdi-Arien bei Philips, und dann sind da viele Mitschnitte und auch Videoaufzeichnungen, welche die Durchschlagskraft des Bühnenkünstlers Bergonzi noch und noch vor Augen und Ohren führen. Darstellerisches Manko konnte vom Gesichtspunkt des vom Schauspiel und Film geprägten Operntheaters her wohl ausgemacht werden und wurde gern moniert, vom Aussehen her war Bergonzi kein Bühnengott, und der «physique du rôle» konnte er in seiner späteren Karriere nicht durchwegs entsprechen. Aber man kann sich anhand der Livedokumente stets vergegenwärtigen, dass er auf seinem Weg – «I have tried to learn to act through the voice» («Times», 1981) – das Ziel auf immer wieder atemberaubende Weise erreichte und es ihm gelang, im Gesang die Figur, ihren szenischen Impuls, ihre Wahrheit zu gestalten. Herbert Büttiker

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