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Cézannes Lokführer

Letzte Woche verstarb der Winterthurer Maler Beni E. Trachsler. Seit 1974 Mitglied der Künstlergruppe, fiel Trachsler durch eine farbintensive, stark abstrahierende Malerei auf.

Jüngst, am 18. Februar, um genau zu sein, waren wir bei Freunden eingeladen. Lauter Bilder von Winterthurer Kunstschaffenden hingen dort an den Wänden. Ein grosses Bild fiel besonders auf: eine hauptsächlich in Grüntönen modulierte Fläche, dar­auf Monteure in orange-roten Overalls auf einem Fahrleitungsträger der SBB. Unverkennbar ein Werk von Beni Trachsler. «Nur eine Leihgabe», meinte der Gastgeber bedauernd, handelte es sich doch um eine Studie für die Dreierserie für den Neubau der 1974 eingeweihten, damals noch städtischen Berufsbildungsschule an der Wülflingerstrasse 17. Prominent wurden dort seine drei Werke in der Mensa platziert: ein Schiff im Trockendock, die SBB-Monteure und eine südfranzösische Landschaft. (Heute entdeckt man sie im Hauptgebäude im 4. Stock.)

Cézanne im Kopf

Nicht nur gut gemacht sind sie, damals waren sie auch thematisch stimmig. Schiffsmotoren wurden in den 1970er-Jahren von Sulzer noch in Winterthur produziert; die Leitungsmasten und die dar­auf balancierenden Monteure kannte Trachsler vom Lokomotivführerstand aus, wenn er mit seinem Zug durch den Gotthard in den Süden donnerte. Seine Kollegen hatten die drei Bilder der Schule gestiftet. Bis 1986 versah Trachsler den Dienst als Lokführer. «Die unregelmässige Arbeit erlaubte ihm, in der Freizeit zu malen», erklärt seine Frau. Er sei viel gereist, mindestens drei- bis viermal pro Jahr in die Provence. Südfrankreich sei seine zweite Heimat gewesen. Aha, Trachs­ler, der Lokomotivführer Cézannes, denkt man, wenn man seine Maltechnik studiert und seine leicht schraffierten Farbfelder mit dem Stil des französischen Meisters aus der Provence in Verbindung bringt. Die gelb-orange glühende Provencelandschaft, eine bewehrte Stadt auf einem Hügelmassiv, ist zweifellos auch ein Sehnsuchtsbild.

Der 1925 in Winterthur geborene Trachsler fühlte sich bereits in jungen Jahren zur Malerei hingezogen. Doch ein Kunststudium erlaubte die finanzielle Si­tua­tion nicht. Er wurde Lokomotivführer. Künstlerisch bildete er sich in den 1950er-Jahren autodidaktisch aus, zuerst bei lokalen Koryphäen, bei Hans Mast in der Kunstgeschichte und bei Edmund Kässner im Malen, später im Zürcher Atelier von A. J. Schmidlin. Zahlreiche Stipendien halfen finanziell und munterten auf. 1974 war künstlerisch und anerkennungsmässig ein goldenes Jahr. Mit dem Kunst-am-Bau-Auftrag für die Berufsbildungsschule fand Trachsler öffentliche Beachtung, mit der erstmaligen Teilnahme an der Dezemberausstellung im Kunstmuseum wurde er in den lokalen Olymp der Künstlergruppe Winterthur aufgenommen.

Glühender Kolorist

Trachsler hat einen erhellenden Satz über sein künstlerisches Schaffen notiert: «Erst aus dem, was ich mache, erfahre ich, was ich suche.» Daraus spricht ein intuitives Vertrauen in seine Malerei: dass sie ihn nicht im Stich lässt und zu einem Ergebnis führt, das ihm Aufschluss über seine Suche gibt. So war Malen für Trachsler stets auch ein Staunen über das, was er in seinen Bildern entdeckte. Er übernahm wie viele seiner Generation die fragmentierte und abstrahierende Sicht der Moderne; doch in seinen Kompositionen von Farben und Formen triumphieren die einenden Kräfte, die Synthese, nicht die kritisch-zerlegende Analyse. Darin stand er wohl Cézanne und Klee nahe.

Seine Eigenheit behauptete sich im Umgang mit den Farben. Er war ein Kolorist, der sehr schön mit den Komplementärkontrasten umzugehen wusste, wie zwei der Mensabilder zeigen. Im dritten, in der Provencelandschaft, wird jedoch kein Ausgleich der Farben angestrebt, da ist seine Farbskala nur noch glühende Ener­gie­. Am 18. Februar ist Beni E. Trachsler nach kurzer Krankheit im achtundachtzigsten Altersjahr friedlich eingeschlafen.

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