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«China ist kein Billiglohnland mehr»

Suzhou. Seit 2005 produziert Georg Fischer in China Gussteile für Automobile und macht laut einheimischem Werkschef alles besser als die Produzenten aus dem Land. Dabei spielen gute Löhne eine wesentliche Rolle. Ein Augenschein vor Ort.

Wer mit dem Auto von Schanghai nach Nanjing fährt, erreicht nach einer knappen Stunde Suzhou, eine Stadt mit über 2500-jähriger Geschichte im Jangtse-Delta und vielen Beinamen. Die 72 Kanäle und 400 Brücken machen sie zum «Venedig des Ostens». Die 60 klassischen Gärten machen sie zur «Gartenstadt» und zu einer Pflichttourismusdestination für Chinesen. Die strategisch vorteilhafte Lage an Jangtse und Kaiserkanal machte Suzhou schon vor vielen Jahrhunderten zu einem bedeutenden Handelszentrum Chinas. So ist die 10,5-Millionen-Wirtschaftsmetropole bis heute die Seidenhauptstadt und mittlerweile eines der reichsten Hightech-Zentren des Landes. Seit 1995 eine Sonderwirtschaftszone, haben sich im Industriegebiet «Su­zhou Industrial Park» (SIP) auf einer Fläche so gross wie der Kanton Zug über 300 ausländische Firmen angesiedelt, dar­un­ter Schweizer Firmen wie die Schaffhauser Georg Fischer (GF). Seit 2005 produziert GF Automotive hier Gussteile für die Automobilindustrie, 2009 kam das Werk in der Nachbarstadt Kunshan hinzu. 760 Personen arbeiten an den zwei Standorten. Mujia Zhang, Leiter der Business Unit China und zuständig für beide Standorte, ist ein gebürtiger Chinese mit Schweizer Pass und Winterthurer Heimatort. Er kam 1984 an die ETH Zürich und blieb im Land. Seit zehn Jahren ist der 58-Jährige für GF in seiner ursprünglichen Heimat tätig. «Wir machen alles besser» Es scheppert und dröhnt in den Fabrikhallen. Roboterarme schwenken hin und her, sorgsam dirigiert von Chinesen an Schalthebeln. «Wir setzen auf vollautomatisierte Produktion, ein Roboter kann je nach Typ bis zu 20 000 Stück pro Tag herstellen», erklärt Zhang. Die GF-Standorte Suzhou und Kunshan bedienen in erster Linie den chinesischen Markt. Etwa ein Drittel der Produktion von Suzhou geht ins Ausland, aus Kunshan ist es laut Zhang deutlich weniger. Der Umsatzanteil von GF Automo­tive China betrug 2011 rund 10 Prozent der gesamten Unternehmensgruppe – Tendenz steigend. Doch GF Automo­tive sei nicht in China, um in Europa Stellen zu streichen, sondern um nahe am grössten Wachstumsmarkt der Welt zu sein, betont Zhang: «In China geht heute alles schnell-schnell-schnell. Man muss vor Ort sein, um den Markt besser zu erkennen, auf Probleme schneller zu reagieren und ungeduldige Kunden schneller bedienen zu können.» Dabei hilfreich sei die eigene, von einem Österreicher geleitete Forschungs- und Entwicklungsabteilung. «Bekenntnis zu China» nennt Zhang dieses Engagement. Es sei zudem ein wichtiges Argument für lokale Kunden, GF-Produkte zu wählen: «Wir zeigen ihnen: Seht her, wir als europäische Firma entwickeln beziehungsweise entwickeln Produkte extra für euch weiter.» Hat er dabei keine Angst vor Technologieklau? Zhang winkt ab. «Wir machen alles selber.» Eine weit grössere Herausforderung sei es, gute Leute für diese Stellen zu finden. Chinesen haben eine quasi unbeschränkte Lernfähigkeit, sie sind vor allem theorieorientiert – mit der Umsetzung in die Praxis hapert es aber. GF stelle deshalb vor allem junge Leute ein, lasse sie zuerst mitlaufen und bilde sie aus. «Chinesen muss man alles stückweise beibringen», weiss Zhang und sagt lächelnd, dass dies selbst für ihn als gebürtigen Chinesen immer noch gewöhnungsbedürftig sei. Die nächste Herausforderung ist, diese ausgebildeten Leute auch zu halten – gerade in Boomstädten wie Su­zhou haben Chinesen heute die Qual der Arbeitgeberwahl. Suzhou hat laut Zhang die höchste Fluktuationsrate im ganzen Reich der Mitte. Sein Rezept, um die einmal ausgebildeten Mitarbeiter zu halten: gute Firmenkultur, ein guter Chef (Zhang lächelt) und gute Löhne. «China ist schon länger kein Billiglohnland mehr.» Das wohl beste Argument aber sei das Firmenwachstum, Chinesen wollen in einem Unternehmen mit Zukunft arbeiten. Und Georg Fischer hat noch einen Trumpf im Ärmel: «Schweizer Arbeitgeber sind gefragt», weiss Zhang. Die Chinesen seien fasziniert davon, dass ein so kleines Land so viel Innovation und Kreativität hervorbringe.

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