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Christ mit Haut und Haaren

Bald wird Andreas Goerlich ab und zu im Pfarrgarten von Pfungen anzutreffen sein. «Gut möglich, dass ich dort ein Gemüsebeet an- legen werde», meint der süddeutsche Theologe, der 1987 in die Schweiz kam. Dass er sich den Pfarrgarten künftig mit der Kirchgemeinde teilen muss, stört ihn nicht: «Geteilter Garten heisst ja auch geteilte Arbeit», meint er lachend mit Blick aufs Rasenmähen. «Und wenn der Garten für offizielle Kirchanlässe gebraucht wird, bin ich ja eh auch dabei.» Am 1. Mai wird Goerlich die Vollzeitstelle in Pfungen antreten. «Vorerst nur als Verweser, längerfristig möchte ich mich hier aber zur Wahl stellen.» Der Wahlschweizer, der in Tübingen Theologie studiert hat, war früher schon einmal zwei Monate in der Reformierten Kirchgemeinde Pfungen tätig. Während der letzten anderthalb Jahre war der 48-Jährige in der Reformierten Kirchgemeinde Seuzach als Verweser tätig, wo er gestern seinen Abschiedsgottesdienst im Alterszentrum im Geeren gehalten hat. Die Zeit in Seuzach wird ihm nach eigenen Worten in bester Erinnerung bleiben. Diese Kirchgemeinde hat ihn beeindruckt, vielleicht gerade weil der Start kein einfacher war. «Es war meine erste Stelle nach einem Burnout.» Familiäre und persönliche Gründe hatten dazu geführt, wie er sagt. «Der Akku war leer», erinnert er sich. Ein Moment des Nachdenkens ergreift ihn. Dann das Resümee aus heutiger Sicht: «Meistens bewältigt man mehrere Probleme gleichzeitig, bis plötzlich dann das eine hinzukommt, das man nicht mehr packt.» Dann kam der Zusammenbruch: Die Trennung von seiner Familie («Zum Scheitern einer Ehe gehören immer zwei») gab schliesslich den Ausschlag für ein Erschöpfungssyndrom und zwang ihn, ein Vierteljahr lang eine Auszeit zu nehmen. Verhältnismässig schnell rappelte sich Goerlich, der damals Pfarrer in Mönchaltorf war, wieder auf. «Der spirituelle Weg und die Unterstützung von Pfarrkollegen und Freunden halfen mir dabei. Doch es brauchte einen radikalen Schnitt. Ich musste weg aus Mönchaltorf, benötigte nach der Trennung von der Familie auch die räumliche Distanz, weil es zu schmerzhaft war, meinem Stiefsohn und meiner Tochter auf der Strasse zu begegnen.» Dann erfolgte der Neustart als Verweser mit einem 70-Prozent-Pensum in Seuzach. Hier lernte der gebürtige Ravensburger nach eigenen Worten eine moderne, offene Kirchgemeinde kennen, «die mir sehr viel gab». Beeindruckt haben ihn die stets gut besuchten Gottesdienste und dass er, obwohl nur als Verweser angestellt, nie wie ein «Übergangspfarrer» behandelt worden sei, sondern stets überall mit einbezogen wurde. «Ich erlebte in Seuzach eine schöne Zeit, die für mich auch heilsam war.» Mit Andreas Goerlich wechselt ein engagierter Christ von Seuzach nach Pfungen, der sich für die Ökumene starkmacht und für den Kirche immer nur «gelebte Kirche» sein kann. «Das hat mir mein Konfirmationspfarrer mit auf den Weg gegeben.» Und diesem Prinzip lebt der Notfallseelsorger heute in seinem Beruf als Theologe nach. So war Goerlich ein Mann der ersten Stunde in der Organisation der Tschernobyl-Hilfe im Kanton Zürich, die Kindern aus der verstrahlten Umgebung des Unglücksreaktors Erholungsurlaube ermöglicht. Oder er reist regelmässig nach Istanbul, um sich dort Problemen von syrischen Flüchtlingen muslimischer wie christlicher Herkunft anzunehmen. Am Freitag kam er gerade aus der Türkei zurück, wo er sich für die medizinische Hilfe für verwundete Flüchtlinge einsetzte. Goerlich ist deshalb – neben dem Sammeln und Überbringen von Spendengeldern – vor allem bei der Vermittlung von wichtigen Kontakten behilflich, welche die Flüchtlinge ohne Hilfe nicht herstellen könnten. «Neben dem vielen ungelösten Elend gibt es zum Glück immer wieder auch Lichtblicke.» Etwa ein Lachen oder wenn jemand wieder Kraft zu einem selbstbestimmten Leben schöpft. Andreas Goerlich hatte vor einigen Jahren selbst für drei Monate in Damaskus gelebt (Sabbatical). Damals lernte der Theologe viele Syrer und Syrerinnen kennen, zu denen er bis heute Kontakt hält.

So engagiert, wie er als Theologe ist, bewegt er sich aber auch auf einem ganz anderen Parkett. «Ich tanze leidenschaftlich gern und war auch Turniertänzer.» Der Grundstock für seine breit gefächerten Interessen wurde – davon ist Goerlich überzeugt – in seinem christlich-liberalen Elternhaus gelegt, «wo ich mit drei Geschwistern eine unbeschwerte Kindheit verleben konnte».

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