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Comeback eines Urgesteins

Nach einem Schlaganfall bekam der Jazzpianist Joe Haider Schwierigkeiten mit der Koordination zwischen rechter und linker Hand. Jetzt startet er wieder durch: Nach dem Auftritt in der Esse-Musicbar steht eine Aufnahmesitzung in den Hardstudios auf dem Programm.

Eigentlich müsste Joe Haider, der Anfang dieses Jahres 78 wurde, endlich einmal eine Autobiografie schreiben: Bei einem kurzweiligen Plauderstündchen bei Kaffee und Kuchen in seiner Wahlheimat Bern lauscht man fasziniert seinen Ausführungen, die sich elegant zwischen wunderbaren Anekdoten, pointierten Meinungen und einem Schuss Sentimentalität bewegen. In einer Stunde kann man nur an der Oberfläche kratzen. Klar ist: Obwohl der am Richard-Strauss-Konservatorium ausgebildete Pianist den Aufbruch der europäischen Jazzszene in die Moderne nach 1965 massgeblich mitgestaltete (unter anderem als Hauspianist im Münchner Jazzclub Domicile, Big-Band-Leader und langjähriger Leiter der Swiss Jazz School in Bern), will sich Haider auch im 21. Jahrhundert nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen. Sogar ein Schlaganfall im Juni 2012 hat ihn nur zwischenzeitlich aus der Bahn geworfen. «Durch den Schlaganfall waren die Sehnerven betroffen. Nach und nach bekam ich Schwierigkeiten mit der Koordination zwischen rechter und linker Hand», sagt Haider, dessen Gang durchs Leben nun durch drei verschiedene Prismabrillen erleichtert wird (eine davon dient ihm zum Musizieren). Ohne Schnickschnack Dass in der Zeit der Rekonvaleszenz mit «A Moment in Montreux» eine wunderbar unprätentiöse Trio-CD entstand, ist ein kleines Wunder. Mit dem Bassisten Isla Eckinger (Jahrgang 1939) und dem Schlagzeuger Jimmy Wormworth (Jahrgang 1937) spielt Haider hier acht Stücke, von denen die Mehrheit aus dem «Great American Songbook» stammt: Diese beseelte, abgeklärte Musik kommt ohne Schnickschnack daher und besticht durch zeitlose Eleganz. Die von Haider selbst ins Spiel gebrachte Bezeichnung «Altherrenjazz» wird der Sache nur dann einigermassen gerecht, wenn man sie durch das Prädikat aussergewöhnlich ergänzt. Durch den CD-Titel sollte man sich allerdings nicht in die Irre führen lassen: Das Trio trat nicht am Jazzfestival Montreux auf, sondern machte die Aufnahmen in den Hardstudios in Winterthur. Dorthin wird Haider nun auch mit einem Quartett zurückkehren, in dem er auf profilierte Vertreter des jüngeren Schweizer Jazz trifft, die zwischen 1969 und 1982 auf die Welt kamen: Domenic Landolf (Tenor- und Sopransaxofon; Bassklarinette), Dominic Egli (Schlagzeug) und Raffaele Bossard (Kontrabass). «Ich bin dankbar, dass mir das noch vergönnt ist. Ich bin immer noch begeisterungsfähig», sagt Joe Haider zu diesem «Joint Venture» zwischen den Generationen, den er in einem Projektbeschrieb folgendermassen charakterisiert: «Die Idee der Musik besteht darin, Bestehendes zu verändern und Neues zu erschaffen (…), wobei die Jüngeren wunderbare «In&Out»-Improvisatoren sind und der Alte am Klavier dafür sorgt, dass es nicht aus dem Ruder läuft.» Tatsächlich hat Haider, der auch im Bereich der Pädagogik immer noch aktiv ist, Mitstreiter ausgewählt, die seinem Credo entsprechen: «Es ist gut, wenn Jazzmusiker offen und neugierig sind, aber sie sollten sich auch in der Geschichte dieser Musik auskennen. Bei vielen ist dies leider nicht der Fall.» In Wien am Würstchenstand Haider ist sich bewusst, dass sich die Art der Jazzvermittlung seit seinen Sturm-und-Drang-Jahren radikal gewandelt hat: «Wir hatten noch keine Schulen und Real Books, sondern lernten alles übers Gehör. Und wir hatten enormes Glück: Die Amis mussten uns nehmen.» Dabei ging es allerdings zuweilen hart auf hart. So erinnert sich Haider an seine erste Tournee mit dem Tenorsaxofonisten Johnny Griffin, der seine Begleiter dermassen zusammenstauchte, dass diese sich nicht mehr ins Hotel zurücktrauten: «Das war in Wien. Wir trafen uns an einem Würstchenstand, assen Debreziner, tranken Schnaps und redeten über Musik. Und am nächsten Morgen übten wir wie die Halbaffen.» Danach ging die Tournee ohne weitere Komplikationen weiter. Als besonders prägend bezeichnet Haider die Begegnungen mit dem tschechischen Bassisten George Mraz, der vor seiner Emigration in die USA in München Station machte, mit dem afro-amerikanischen Schlagzeuger Billy Brooks, der von 1972 bis 2008 in Bern unterrichtete (zu seinen Schülern gehörten unter anderen Norbert Pfammatter und Dominic Egli) und danach total in der Versenkung verschwand, sowie mit dem italo-amerikanischen Tenorsaxofonisten Sal Nistico, der ein Junkie war und 1991 in Bern starb. Haider über Nistico: «Von ihm habe ich am meisten gelernt. Vieles verstehe ich erst heute. Er war total unterschätzt und hatte enorme Selbstzweifel. Er lief oft mit Studentenfutter in der Hosentasche und einem Buch in der Hand durch die Stadt.» Joe Haider Quartet Donnerstag, 27. Februar, 20.15 Uhr, Esse-Musicbar, Rudolfstrasse 4. Die CD ist in der Schweiz über www.joehaider.ch/ neuecd/index.php zu beziehen. www.esse.musicbar.ch

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