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Costa, nicht Cancellara

Florenz. Statt mit der Goldmedaille endete das WM-Strassen­rennen für Fabian Cancellara mit einer Enttäuschung. Der Berner musste sich mit dem 10. Rang begnügen und wartet weiter auf den ersten Strassen-Titel. Weltmeister wurde der Portugiese Rui Costa.

Am Schluss gehörten die Vorteile nach über 272 km den Kletterern um den zweifachen Tour-de-Suisse-Sieger Costa, den Spaniern Joaquim Rodriguez (2.) und Alejandro Valverde (3.) sowie dem Italiener Vincenzo Nibali (4.). Den Classique-Spezialisten um Cancellara, Peter Sagan (6.) und Titelverteidiger Philippe Gilbert (9.), blieben nach dem überaus harten Rennen, das zu grossen Teilen in strömendem Regen stattfand, nur die Ehrenplätze.

Cancellara fehlte am Schluss trotz sichtlich guter Form die Kraft, um mit den Besten mitzuhalten. An der zweitletzten Steigung, rund zehn Kilometer vor dem Ziel, musste er nach der Attacke von Rodriguez abreissen lassen. Den Traum, als vierter Schweizer nach Hans Knecht (1946), Ferdi Kübler (1951) und Oscar Camenzind (1998) das Regenbogentrikot des Strassen-Weltmeisters zu tragen, muss der 32-jährige Schweizer um mindestens ein Jahr verschieben.

Cancellara nahm das letztlich klare Verdikt zu seinen Ungunsten – zumindest gegen aussen – relativ gelassen hin: «Ich habe alles versucht, keine Fehler gemacht und war immer dort platziert, wo ich wollte. Heute waren einfach ein paar Fahrer schneller. Auch wenn ich hohe Ambitionen hatte und mein Ziel nicht erreichte, muss ich letztlich froh sein, das Ziel heil erreicht zu haben.» Dennoch wird ihn die Bronzemedaille im Zeitfahren nicht über den letztendlich enttäuschenden 10. Platz im Strassenrennen hinwegtrösten, schliesslich war der Gewinn der Goldmedaille das erklärte Ziel des Berners.

Schweizer Taktik früh dahin

Die extra für diese Titelkämpfe frisch asphaltierte Strecke war extrem rutschig. Zahlreiche Fahrer mussten zu Boden. Auch das Schweizer Team war im strömenden Regen und in den toskanischen Gewittern vom Sturzfestival betroffen. Martin Elmiger, Oliver Zaugg, Michael Albasini und Mathias Frank, die Cancellara in der Schlussphase hätten unterstützen sollen, schieden bereits früh aus – durch Stürze oder weil sie wegen Kollisionen behindert wurden.

Die Schweizer Taktik, das Rennen aktiv zu gestalten und an der Spitze ständige Präsenz zu markieren, verkam mit dem Verlust der vier Fahrer rasch einmal zu Makulatur. Cancellara war zwar der Meinung, dass sich am Rennverlauf auch mit dem Quartett «nicht viel geändert» hätte, in der Tat stand dem Berner in der zweitletzten von zehn Runden aber nur noch Gregory Rast als Helfer zur Seite. Mit mehr Fahrern hätten die Schweizer, die erstmals seit 2008 wieder mit dem vollen Kontingent von neun Profis antreten konnten, vermutlich eine grössere Selektion herbeiführen können.

Und weil auch die gastgebenden Italiener nicht wie angekündigt auf das Tempo drückten, waren die leichtgewichtigen Kletterer in der Schlussrunde für die beiden harten Anstiege (Fiesole und Via Salvati) noch frisch. Der für einen Radfahrer eher breit gebaute und mit seinen rund 80 kg verhältnismässig schwere Cancellara hat in den Steigungen einen «natürlichen» Nachteil. Im Vorfeld war er noch der Meinung gewesen, in den Steigungen mit den Kletterern mithalten zu können. Da hatte er sich offensichtlich getäuscht.

Trotzdem eine gute Saison

Mit dem WM-Rennen beendet Cancellara seine Saison. Den letzten grossen Klassiker, die Lombardei-Rundfahrt vom kommenden Wochenende, bestreitet der Berner nicht. Trotz des verpassten WM-Titels kann Cancellara mit den Siegen unter anderem an der Flandern-Rundfahrt und bei Paris – Roubaix im Frühling auf ein gutes Jahr zurückblicken. Für die kommenden drei Jahre – die wohl letzten seiner Karriere – fährt Cancellara für das Team Trek, das die World-Tour-Lizenz von seinem bisherigen Arbeitgeber RadioShack-Leopard übernimmt.

Nebst Cancellara erreichten von den Schweizern nur noch Teamkollege Rast (45./6:24 zurück) sowie der Westschweizer Danilo Wyss (53./11:20) das Ziel. Schweizer Meister Michael Schär und der 24-jährige «Teamjunior» Sébastien Reichenbach stiegen in der Schlussphase nach getaner Arbeit vom Rad. Von den vier früh ausgeschiedenen Schweizern kamen Albasini und Frank (beide leichte Prellungen) mit dem Schrecken davon. Etwas schwerer verletzten sich bei ihren Stürzen Elmiger (Schulter) und Zaugg (Fuss).

Erstmals ein Portugiese

Während die Schweizer mit Glücksgöttin Fortuna haderten und die medaillenlosen Italiener enttäuscht davonschlichen, jubelte erstmals an einer WM ein Portugiese über die Goldmedaille. Rui Costa hatte im Vorfeld zwar nicht zu den grossen Favoriten gehört, mit seinem zweiten Triumph in Folge an der Tour de Suisse sowie zwei Etappensiegen in der Tour de France hatte der Portugiese in dieser Saison aber ausgezeichnete Resultate vorzuweisen. «Ich habe mir einen Traum erfüllt – das ist wie ein Lottogewinn für mich», freute sich Costa nach seinem WM-Coup. «Dieses Trikot bedeutet mir sehr viel. Ich werde alles tun, um ihm Ehre zu erweisen.»

Im Finish besass Costa am meisten Kräfte. Der 26-jährige künftige Teamleader des Lampre-Teams holte auf dem letzten Kilometer und nach fast siebeneinhalb Stunden Fahrzeit den ausgerissenen Spanier Rodriguez ein. Im Sprint setzte sich Costa knapp durch. 15 Sekunden hinter dem Spitzenduo ersprintete sich Valverde gegen Lokalmatador Nibali Bronze.

Die WM endete nicht nur für die Schweizer und Italiener enttäuschend. Von den 208 gestarteten Profis erreichten nur gerade 61 das Ziel. Mitfavorit Chris Froome (Gb) und weitere Spitzenfahrer wie Cadel Evans, Richie Porte (beide Au), Tejay van Garderen, Chris Horner (beide USA) oder Nairo Quintana (Kol) mussten die Segel frühzeitig streichen. (si/red)

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