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«Damit Kunst spricht, braucht es lange Weile»

Im Roman «Sie dreht sich um» von Angelika Overath macht die fünfzigjährige Journalistin Anna Michaelis im Museum eine erstaunliche Entdeckung. Die Autorin liest am Freitag im Kunstmuseum Winterthur.

Frau Overath, wir haben uns hier im Hauptbahnhof in Zürich getroffen. Die Figuren Ihrer Romane mögen solche von vielen Menschen frequentierte Orte. Auch in Museen kann man für sich sein und trotzdem unter Menschen. Was ist es, das Ihre Figuren an solche Orte zieht? Angelika Overath: Die Figuren in allen meinen drei Romanen sind Frauen, die in gewisser Weise ausgesetzt und alleine sind. Nun bin ich ja verheiratet und habe drei Kinder. Wie komme ich also dazu, immer über Frauen zu schreiben, die alleine sind? Ich glaube, dass ich in einer extremen Si­tua­tion Probleme durchspielen kann, die mich interessieren. Im neuen Roman ist es eine Journalistin, die erfahren hat, dass ihr Mann sie betrügt. Sie will erst mal vier Wochen allein sein und fliegt nach Edinburgh, wo sie in das Museum geht, das sie schon früher mochte. Und wie Sie schon sagten, Museen sind Orte, wo man auf eine sichere Art und Weise allein sein kann. Man fällt nicht auf, man kann sich weggucken in das Muster der Bilder oder auch in die Figuren. Da macht sie dann die erstaunliche Erfahrung, dass eine Bildfigur sich umdreht und anfängt zu sprechen. Diese Idee nimmt einfach den Satz «Ein Bild sagt mir etwas» wörtlich. Die Ehe der Protagonistin bildet nur den Aufhänger für dieses Thema der Bilderfahrung. Ja, es ist keine Ehegeschichte, aber es geht um Beziehungen. Es geht darum: Was können wir einander sagen, wie weit kann ein Mensch dem andern eine Hilfe sein, und wie weit kann man etwas schenken oder geschenkt bekommen. Anna, die Protagonistin, betrachtet als Erstes Paul Gauguins «Jakobs Kampf mit dem Engel oder Vision nach der Predigt», nach einer Szene aus der Bibel. Weshalb stösst sie zu Beginn gerade auf dieses Bild? Das Bild markierte für den Maler eine Wende. Er war Banker, hatte Frau und Familie. Er verliess sie alle und gab den Beruf auf, um Maler zu werden. Der dargestellte Kampf ist eben auch der Kampf des Künstlers mit sich selber. Mir gefällt diese Bibelstelle sehr, weil sie unergründlich ist. Jakob geht mit seinen Frauen und dem Gesinde nachts über den Fluss und kehrt selbst auf diese Seite des Flusses zurück. Da kommt ein Mann und ringt mit ihm, und der Mann ist nicht so stark, wie er wohl gedacht hat. Der Mann sagt dann zu Jakob: Die Morgenröte bricht an, lass mich los. Und Jakob sagt: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn. Das ist für mich der zentrale und wundersame Satz. Das heisst, eine gute Trennung vollzieht sich nicht ohne Segen. Das ist ein Motiv für Ehen, für Beziehungen überhaupt, aber auch ein entscheidender Satz für den Umgang mit sich selber und den eigenen Lebenskampf, den Werdekampf, den jeder mit sich führen muss. Das Motiv der Bildfiguren, die sich umdrehen und zu sprechen beginnen, hat für mich auch etwas Filmisches. Es öffnet den Raum für den Leser, man kann in das Bild hineingehen und darin leben. Auch mein letzter Roman «Flughafenfische» ist, wenn Sie so wollen, ein bisschen filmisch. Meine Bücher kommen immer vom Schauen, glaube ich. Was hat Anna zu Ihnen gesagt? Vielleicht, dass man öfter ein bisschen mehr Mut haben sollte. Ich mag diese Anna gerne, ihren Mut und ihre Unvoreingenommenheit. Indem sie warten kann und Geduld hat, kann sie sich die Wirklichkeit der Fantasie erschliessen. Wenn man ein Bild fotografiert und weitergeht, kann nichts passieren. Damit Kunst spricht, braucht es Zeit, braucht es lange Weile. Gibt es einen Übergang vom Alltag zum Schreiben? Haben Sie dafür Rituale oder können Sie überall schreiben? Ich kann überall schreiben, auf meinem kleinen Laptop, der mein Büro ist. Ich schreibe ja berufsmässig als Journalistin, und die Arbeitszeit für die Romane ist schon immer ein bisschen Diebesgut am Rande. Aber das geht eigentlich ganz gut. Diesmal war das Schreiben auch mit vielen Reisen verbunden. In der Endphase, wenn es dar­um geht, das Buch nochmals zu überarbeiten und zu bündeln, brauche ich wiederholt zwei, drei Wochen. Ich überarbeite meine Bücher sehr oft, ich möchte auch, dass sie einen Sound haben. Am Freitag lesen Sie im Rahmen von «Zürich liest» im Kunstmuseum Winterthur. Wann ist eine Lesung gelungen? Wenn das Publikum und ich eine Beziehung aufbauen. Daher mag ich es nicht, wenn ich von Scheinwerfern so angestrahlt werde, dass ich keine Gesichter erkennen kann. Und ich mag es sehr, wenn das Publikum Fragen stellt.

Lesung: Freitag, 24. 10., 17 Uhr, Kunstmuseum Winterthur, Museumstrasse 52. – Buch: Angelika Overath: Sie dreht sich um. Roman. Luchterhand, München 2014. 288 Seiten, Fr. 29.90.

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