Arbeitsverhalten

«Das Auflösen der Grenzen kann ein Stressfaktor sein»

Viele Angestellte wollen flexibler arbeiten, sagt Johann Weichbrodt, der an der Hochschule für Angewandte Psychologie (Fachhochschule Nordwestschweiz) forscht.

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Überall werden neue Coworking-Arbeitsplätze eröffnet. Vielen fehlt es aber noch an Kunden. Gibt es die überhaupt?
Johann Weichbrodt: Coworking ist ein Phänomen, das gerade am Entstehen ist. Erstaunlich ist, wie stark Coworking in der Schweiz in den letzten zehn Jahren gewachsen ist. Das würde nicht passieren, wenn es keinen Bedarfgäbe. Ich denke aber, es wird eher ein Nischenphänomen bleiben.

Warum?
Um die grosse Masse anzusprechen und als Geschäftsmodell zu funktionieren, müssten wir als Gesellschaft unser Arbeits- und Mobilitätsverhalten ändern. Bis jetzt nutzen primär Selbstständige und solche mit zwei Standbeinen Coworking, also diejenigen, denen kein Arbeitsplatz zur Verfügung gestellt wird. Die grosse Veränderung wäre es, wenn mit Angestellten ein neues Segment gewonnen werden könnte.

Wohin würde dieseVeränderung führen?
Hin zu flexibleren und mobilen Anstellungsformen. In der Schweiz arbeiten bereits 20 bis 25 Prozent aller erwerbstätigen Menschen mobil-flexibel. Dieser Anteil wächst seit mehreren Jahren nur sehr langsam. Im internationalen Vergleich ist er aber bereits sehr hoch. In Deutschland zum Beispiel sind es zurzeit etwa zehn Prozent.

Was bremst diese Entwicklung?
Befragungen haben gezeigt, dass viele Beschäftigte sich wünschen, vermehrt mobil-flexibel arbeiten zu können. Meist sind es die Unternehmen, die diese Entwicklung noch nicht fördern. Es gibt also noch grosses Potenzial.

Was bedeutet diese neue Ar­beitsform für die Angestellten?
Mobil-flexibles Arbeiten birgt für Arbeitnehmer viele Chancen, aber auch Risiken. Einerseits hat man mehr Freiheit, etwa wo und wann man arbeitet, kann Familie und Beruf besser vereinen und grosse Pendlerstrecken fallen weg. Andererseits wird diese Flexibilität von den Firmen auch eingefordert. Das heisst, die Arbeit muss dann tatsächlich überall und irgendwo stattfinden, dieses Auflösen der Grenzen kann ein Stressfaktor sein.

Was lässt sich dementgegensetzen?
Das ist ein Lernprozess. Ich muss für mich entscheiden, wo und wann und wie ich arbeiten will. Also wissen, was mir guttut. Passt für mich Coworking? Oder stressen mich neue Bekanntschaften eher? Die Erfahrung hat gezeigt, je häufiger jemand räumlich verteilt arbeitet, desto mehr vermisst er den Austausch mit dem Team, den Kollegen. Sich zufällig auf einen Kaffee treffen, das geht dann eben nicht mehr.

Dieser Lernprozess fordert einen hohen Grad an Selbstreflexion. Sind wir dem gewachsen?
Der eine mehr, der andere weniger. Angestellte, die ihre Grenzen nicht kennen, sind besonders gefährdet. Wo es vorher hiess, ich passe mich an und mache, was von mir gefordert wird, heisst es nun: Ich mache, was ich will und kann. Arbeit ist kein Erfüllen von Aufgaben mehr, sondern bedeutet auch viel Selbstverantwortung, denn ich bestimme mit. Was heute schon fast jeder kennt: immer und überall erreichbar sein, am besten online, um die Mails sofort am Smartphone lesen zu können. Die Unternehmen fragen sich: Wie schaffen wir es, dass die Leute produktiver arbeiten? Der jetzt schon hohe Leistungsdruck nimmt also noch zu.

Das tönt nicht gerade positiv.
Das Potenzial nach mehr mobil-flexiblem Arbeiten ist zwar da, es wird aber in absehbarer Zukunft nur langsam wachsen. In den meisten Branchen gibt immer noch viele gute Gründe, vor Ort zu arbeiten, etwa in der Pflege oder beim Bedienen von Maschinen. Was sicher zunehmen wird, und dies ist für die Arbeitnehmer beeinflussbar, sind die verschiedenen Arbeitsformen. So kann der eine jeden Freitag Homeoffice machen, der andere ab und zu einen Coworking-Platz nutzen. Das Arbeitsverhalten wird bunter und diverser werden. Das ist grundsätzlich eine positive Entwicklung.

Andererseits lagern Unternehmen Arbeit vermehrt an Selbstständige aus und sparen so Versicherungen und Arbeitsplätze. Ist das nicht problematisch?
Solche Umwälzungen gab es schon immer, Branchen sterben aus, Maschinen übernehmen verschiedene Arbeitsfelder. Gesamtwirtschaftlich betrachtet macht es, gerade ökologisch, ja auch Sinn, zu sagen, wir reduzieren die weiten Pendlerwege und jeder arbeitet in der Nähe seiner Wohnung. Diese Veränderung wird kommen, wichtig ist es, den Leuten eine Chance zu geben, sich anzupassen. (Landbote)

Erstellt: 07.03.2018, 10:01 Uhr

Johann Weichbrodt, Hochschule für Angewandte Psychologie (Bild: PD)

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