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«Das Buch geht auf Augenhöhe»

In welche Zwickmühle man gerät, wenn man in Zeiten von Internet und Handypornos ein Kinderbuch für Sexualkunde illustrieren soll und wie man wieder aus der Zwickmühle herausfindet, schildert die Winterthurer Illustratorin Christine Aebi im Gespräch.

War­um haben Sie mit Ihrer Kollegin Lilly Axster ein Aufklärungsbuch pu­bliziert? Solche gibt es doch zuhauf.

Das täuscht! Für Jugendliche gibt es hinreichend Aufklärungsliteratur. Für Kinder im Primarschulalter hingegen nur wenig. Lilly Axster arbeitet in Wien in einem Projekt gegen sexuelle Gewalt an Mädchen und Buben. Ihr fiel auf, dass es für Kinder zum Thema Sexualität kaum altersgerechte Arbeitsmaterialien gibt. Und die vorhandene Literatur referiert lediglich biologisches Fachwissen, thematisiert aber Gefühle, Vorstellungen und Fragen von Kindern bezüglich Sexualität kaum. Wir wollen mit dem Buch diese Lücke füllen.

Was ist neuartig an Ihrem gemeinsamen Buch?

Wir wollten ein Buch schaffen, das aus der Perspektive der Kinder an das Thema Sexualität herangeht. Kinder sollen darin erfahren, dass es um sie geht und dass ihre Gefühle und Fragen bezüglich ihres Körpers interessant und wichtig sind. Während herkömmliche Literatur oft über die Köpfe der Kinder hinweg Fakten referiert, gehen wir mit unserem Buch auf Augenhöhe.

In Zeiten von Youtube und Pornos auf Handys ist die Illustration eines Aufklärungsbuches doch ziemlich heikel.

Das Projekt war eine Gratwanderung. Man guckt links und rechts und blickt in tiefe Abgründe. Ich hatte erst grossen Respekt vor dieser Aufgabe. Auf der einen Seite, beispielsweise in der Werbung, werden Kinder oft sexualisiert dargestellt, auf der anderen Seite sprechen traditionelle Pädagogen Kindern jegliche (kindliche) Sexualität ab. Meine Darstellungen wollen einerseits die Integrität des Kindes respektieren, andererseits will ich ihm eine gewisse Intimität zumuten. Das schwierigste Bild für mich war dasjenige, auf dem sich ein Kind berührt und selbst befriedigt. Einerseits wollte ich nicht ins Symbolische ausweichen, andererseits das Kind in seiner Intimität nicht blossstellen.

Wie haben Sie Ihre Illustrationen in diesem Spannungsfeld entwickelt?

Die Illustrationen sind mehr als eine behelfsmässige Veranschaulichung von Texten. Ich habe zu Beginn des Projekts Skizzen zum Thema kindliche Sexualität entworfen. Bei meiner Arbeit habe ich mich von eigenen Kindheitserinnerungen leiten lassen. Fotografien in Aufklärungsbüchern beispielsweise gingen mir immer viel zu nahe. Comic-Figuren bzw. Kunstfiguren schienen mir verniedlichend und zu distanziert. So habe ich angefangen, Collagen mit relativ realistischen Figuren zu entwickeln, und Lilly Axster hat sie anschliessend thematisch gruppiert und eine Dramaturgie geschaffen. Zum Schluss hat sie die Texte zu den Illus­trationen geschrieben. Sie hat auch die Figur der Chronistin erfunden, die über die Projektwoche der Klasse 4c berichtet.

Bilder von Sexualität sind medial vorbelastet – wie haben Sie Ihre Bilder gefunden?

Wenn ich mich auf die Suche nach Motiven begebe, so komme ich selten dar­um herum, zuerst Klischees Schicht um Schicht aus mir herausschaffen zu müssen, um auf tiefer liegende, eigene Bildfindungen zu stossen. Ausserdem haben wir uns in unserer Zusammenarbeit gegenseitig genau auf die Finger geschaut, um zu vermeiden, dass wir problematische Klischees bedienen.

Für ein «Aufklärungsbuch» geht es aber nirgends so richtig zur Sache. Da gucken Sie doch bei den Teddybären etwas genauer hin! Da geht es ziemlich «zur Sache». Aber trockene mechanistische Informationen zu Sexualität haben mich nicht interessiert. Themen wie Gefühle, Körperwahrnehmung und Begehren sind viel spannender. Mit meinen Illustrationen will ich einen Raum öffnen, in dem Kinder ihre Fragen formulieren. Je nachdem, wo ein Kind in seiner Entwicklung steht, kann es seine Fragen mit bestehender Literatur vertiefen. Es ist aber auch in Ordnung, wenn ein Kind das Thema Sexualität überhaupt nicht oder nur teilweise interessiert.

Besteht nicht die Gefahr, da um den heissen Brei herumzureden?

Wichtig ist, dass Kinder über das Buch erst einmal anfangen, ein Verhältnis zu ihrem Körper, ihren eigenen Fragen und Themen zu entwickeln. Ein gutes Verhältnis zum Körper und seinen Bedürfnissen bildet die Voraussetzung für die Entwicklung der eigenen Sexualität. Das Buch soll Kindern helfen, ihre Selbstwahrnehmung zu sensibilisieren.

Homosexualität haben Sie ausgeklammert, das ist schade.

Wir sind einfach nicht so explizit. Etliche der Kinderdarstellungen im Buch sind nicht so eindeutig einem Geschlecht zuzuweisen. Ausserdem gibt es zwei Buben, die verliebt ineinander sind, oder drei Mädchen, die es sich in sogenannten «Doktorspielen» nett miteinander machen: Hier kann ein Kind die Frage nach dem gleichgeschlechtlichen Begehren aufwerfen. Lilly Axster und ich wollten nicht in die Falle der Sexualkundeliteratur tappen: Diese ist meist heteronormativ, das heisst, Sexualität von Frau und Mann sind die Norm und hinten, in einem Anhang, wird Homosexualität abgehandelt. Auf diese Art hält man die diskriminierende Unterscheidung von «Norm» und «Abweichung» aufrecht.

Wie haben Kinder und Erwachsene auf das Buch reagiert?

In Schulklassen wird oft erst «gigelet». Wenn man fragt, was denn so lustig ist, gehen sofort angeregte Gespräche los. Beispielsweise Geschlechteridentität: Da haben etliche davon erzählt, dass sie Bekannte haben, die sich nicht so eindeutig einem Geschlecht zuordnen wollen. Das Thema Sexualität lässt kein Kind kalt. Den Lehrpersonen muten wir zu, dass sie offen sind für das Gespräch und eigene Erfahrungswerte reflektieren. Dies kann und will nicht jede Lehrperson.

Eignet sich das Buch nur für die Schule oder auch für zu Hause?

Man kann es auch zu Hause immer wieder in die Hand nehmen. Und nicht nur Kinder, denn auch Erwachsene haben bezüglich Sexualität ja immer wieder neue Fragen und Antworten.

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