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Das frühe Kindheitsmuster

Christa Wolf wäre heute 85 Jahre alt geworden. Kurz vor ihrem Geburtstag veröffentlichte der Ehemann Gerhard nun die autobiografische Erzählung «Nachruf auf Lebende. Die Flucht» aus dem Nachlass.

«Nein, so ist es nicht gewesen.» So beginnt trotzig die frühe Fassung von Christa Wolfs «Kindheitsmuster», die Gerhard Wolf unter dem Titel «Nachruf auf Lebende. Die Flucht» im Suhrkamp-Verlag herausgegeben hat. Darin will die 15-jährige Ich-Erzählerin beschreiben, wie die Flucht aus ihrer Heimat an einem bitterkalten Januartag 1945 wirklich war. Auf gut 100 Seiten berichtet sie von diesem traumatischen Tag in ihrem Leben, erinnert sich an ihre Kindheit in Landsberg an der Warthe (heute Gorzów Wielkopolski, Polen) und entwirft ein Bild ihrer Familie.

Flucht und Vertreibung

Christa Wolf (1929–2011) rührte an einem literarischen Tabu, als sie 1976 in der DDR in ihrem Roman «Kindheitsmuster» über Flucht und Vertreibung als Folge des Zweiten Weltkriegs schrieb. «Nachruf auf Lebende» hat sie bereits 1971, noch vor einer Reise in die alte Heimat, in nur vier Wochen, «sozusagen in einem Schwung», verfasst. Eine Veröffentlichung habe sie nicht geplant, sagte Gerhard Wolf. Die Leiterin des Literaturarchivs der Akademie der Künste in Berlin, Sabine Wolf, habe ihn auf den Text aufmerksam gemacht. «Änderungen am Manuskript gab es nicht», so Gerhard Wolf. Selbst der Titel stamme von Christa Wolf.

Wie relevant ist «Nachruf auf Lebende» angesichts so vieler verworfener Versuche? Das Buch ist ein wichtiges, in sich geschlossenes Fundament für «Kindheitsmuster». Die einfache, lineare Erzählung liest sich gut, es fehlt ihr aber an Tiefe. Eindrückliche Szenen aus «Nachruf auf Lebende» fanden Eingang in «Kindheitsmuster»: die Mutter, die ihre Kinder auf der Flucht im Stich lässt, die Geschichte vom 16-jährigen Fähnleinführer, der zuerst seine Eltern, dann sich erschiesst, «weil er nicht in die Hände des Feindes fallen will».

Oder wie die Erzählerin zum ersten Mal in ihrem Leben zu sich selbst «Ich» sagt. Andere für die weitere Entwicklung des Mädchens entscheidende Szenen fehlen in «Nachruf auf Lebende», weil es nicht über den ersten Tag der Flucht hinausgeht.

Die Geschichte ist autobiografisch, nur den Familienmitgliedern gab die Autorin einen anderen Namen. Wie sie sehr unmittelbar in der Ich-Form mit ironischem Blick auf das Erwachsensein ein Schicksal beschreibt, das viele Menschen ihrer Generation traf, berührt den Leser. Doch wer «Kindheitsmuster» kennt und schätzt, könnte enttäuscht werden. Neugierig macht die nächste postume Veröffentlichung: Im September 2014 erscheinen Christa Wolfs Moskauer Reisetagebücher von 1957 bis 1989.

Christa Wolf

Nachruf auf Lebende. Die Flucht. Suhrkamp-Verlag 2014, 105 S., Fr. 18.90

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