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Das Grosse Mausohr

Bei einem Kirchenumbau in Mar­tha­len musste 1976 ein alter Dachreiter einem neuen weichen. Mitbetroffen waren seltene Fledermäuse.

Fährt man auf Mar­tha­len zu, ragt schon von weitem ein spitzes Kirchturmdach über die Fachwerkhäuser hinaus. Die Dorfkirche wirkt mit ihrem Türmchen auf dem Dach lauschig, als gäbe es keinen tieferen Frieden auf Erden als hier. Ein zweiter Blick verunsichert. Der spitze Dachreiter passt nicht so ganz ins Zürcher Weinland. Sein sechseckiger, mit Schiefer bedeckter Turmhelm erinnert eher an die Kirchtürme des Berner Oberlands. Ein genaueres Hinsehen zeigt auch, dass der Mar­tha­ler Kirchturm neu sein muss, während die Kirche selbst den Geist längst vergangener Jahrhunderte atmet. Das bestätigen Pfarrer Ernst Friedauer sowie der Präsident der Kirchenpflege, Hanspeter Maag. Am alten Kirchturm nagte lange der Zahn der Zeit. Er war aus Holz gebaut. In seinem Innern nisteten Fledermäuse. Beim Läuten der Glocken kam der alte Dachreiter gelegentlich in Schieflage. «Wenn die Glocken schwangen, hob es den Turm auf der Seite vom Dachstuhl weg», erinnert sich Hanspeter Maag. Der Kirchgemeinde war ab den 1960er-Jahren klar, dass man den alten Dachreiter ersetzen musste. Aber die Mar­tha­ler taten sich schwer damit. Auf dem Chordach der Dorfkirche stand ein Türmchen, wie es typisch für die Gegend ist. Vier Giebel, in der Fachsprache Wimperge, auf jeder Seite und vier grosse Zifferblätter. Über den Wimpergen ein achteckiger Helm. Ein erstes Umbauprojekt wird 1969 von der Reformierten Kirchgemeinde abgelehnt. Die Fledermäuse gewinnen damit noch ein paar Jahre Bleiberecht. Genau genommen nutzen die fliegenden Säugetiere den alten Dachreiter als ihre Kinderstube. Es sind nur Weibchen, die hier im Sommer ihren Nachwuchs zur Welt bringen und aufziehen. Gegen Ende des Sommers erfolgt die Paarung. Dann, schon Anfang September, verkriechen sich die Fledermäuse bis zum nächsten Frühling. In den 1970er-Jahren ist noch kaum jemandem bewusst, dass im Kirchturm eine bedrohte Fledermausart wohnt: das Grosse Maus­ohr. Nach 1969 beginnt die Planung der Kirche von vorne. Sechs Jahre später bewilligt die Gemeinde einen Umbau mit neuem Turm. Jetzt wird nicht nur der Dachreiter abgebrochen, sondern der ganze Dachstuhl über dem Chor. Die Fledermäuse werden vertrieben. Über dem Chor kommt eine Konstruktion aus Stahlträgern zu stehen. Sie trägt die sieben Glocken der Mar­tha­ler Kirche. Danach, in einer spektakulären Aktion, hebt am 20. Mai 1976 ein Kran den 18 Tonnen schweren Turmhelm auf den Dachreiter. Etwas sehr Altertümliches ist dem Mar­tha­ler Kirchturm allerdings erhalten geblieben. Von den sieben Glocken stammte eine noch aus dem Mittelalter, aus dem Jahr 1464. Diese und eine weitere alte Glocke werden noch heute von Hand mit einem Seil geläutet. Dem Namen nach klingen sie sehr unterschiedlich. Die mittelalterliche Glocke heisst in Mar­tha­len «Schärbel», die andere «Silberglöggli». Sie erklingen bei Gottesdiensten mit Abendmahl und bei anderen besonderen Gelegenheiten. «Das ergibt einen ganz besonderen, etwas unregelmässigen Klang», erklärt Pfarrer Friedauer. Die Kirchfledermäuse indessen haben eine neue Wohnstätte gefunden. Nach ihrer Vertreibung besiedeln sie das Dach des Pfarrhauses. Hier amtet in diesen Jahren Ruedi Reich, der spätere Präsident des reformierten Kirchenrats. Damit sich Hausbewohner und Fledermäuse nicht in die Quere kommen, lässt er einen Zwischenboden ins Dach einziehen. Inzwischen haben nämlich die Informationen der Stiftung Fledermausschutz Zürich brei­tere Bevölkerungsschichten erreicht. Heute wohnt in Mar­tha­len die zweitgrösste Kolonie des Grossen Mausohrs im Kanton.

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