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Das Haldengut-Monopol ist gefallen

Die Stadt Winterthur schreibt ihren Wirten künftig nicht mehr vor, welches Bier sie ausschenken dürfen. Dafür verzichtet sie auf Einnahmen. Die lokalen Brauereien wittern ihre Chance.

Als Gemeinderätin hatte Yvonne Beutler (SP) einst mit einer Interpellation den städtischen Bierliefervertrag ins Visier genommen. Als Finanzvorsteherin kann sie nun sein Ende verkünden. Entschieden hat der Stadtrat aber noch in alter Besetzung. «Er hat befunden, dass es nicht mehr zeitgemäss ist, solche Verträge auszuhandeln», sagt Beutler. «Er möchte den Betrieben mehr unternehmerische Freiheit geben.» Bisher verpflichtete die Stadt die Pächter ihrer 14 Restaurants dazu, ausschliesslich Haldengut oder andere Biere der Heineken-Gruppe auszuschenken. Dafür zahlte der Brauriese 18 Prozent des Bierumsatzes als Rückvergütung in die Stadtkasse. Jährlich kamen so über 30 000 Franken zusammen. Die Wirte, welche diesen Umsatz erwirtschafteten, gingen dabei leer aus. Dafür gewährte ihnen die Stadt günstige Mieten und hilft beim Unterhalt der Infrastruktur. «Der Bierliefervertrag ist historisch gewachsen», sagt Erich Dürig, Bereichsleiter Immobilien. «Wir haben diesen alten Zopf nun abgeschnitten. Damit sind wir einem Wunsch der Wirte nachgekommen.» Diese dürfen nun selbst verhandeln und allfällige Prämien einstreichen. Teurer wird ihr Zins für die laufende Pachtzeit trotzdem nicht. Verzichtet die Stadt also ersatzlos auf die Biereinnahmen? «Ja», sagt Dürig. Die Stadt mache ihren Betrieben dafür strenge Auflagen, was gesponserte Artikel betreffe. Grelle Werbestühle oder Bierbänke kämen beispielsweise nicht in Frage. Keine Kritik an Heineken «Wir bedauern den Entscheid», heisst es bei Heineken. Pressesprecherin Carmen Wyss sieht aber auch Vorteile. «Künftig fliessen allfällige Rückzahlungen direkt an die Wirte. Das ist transparenter. Wir können ihnen gute Angebote machen und rechnen damit, dass die meisten uns treu bleiben.» Das glaubt auch Beutler: «Heineken hatte jahrelang Zeit, ein Vertrauensverhältnis mit den Wirten aufzubauen. Davon können sie nun profitieren.» Rund 80 Mitarbeiter beschäftigt der Konzern nach der Schliessung der Haldengut-Brauerei und dem Wegzug des Schweizer Sitzes noch im Raum Winterthur. Ohne Verträge gehts kaum «Ich gratuliere der Stadt zu ihrem Entscheid», sagt Karl Fatzer, Präsident von Gastro Winterthur und Wirt im «Cappuccino». «Damit hätte ich nicht gerechnet!» Die meisten Wirte seien zwar ohnehin auf langjährige Lieferverträge mit den grossen Brauereien angewiesen. Diese stellen ihnen Zapfanlagen, Gläser, Kühlschränke, und Mobiliar wie Gartenstühle oder Sonnenschirme zur Verfügung – und oft auch Kredite, welche sie bei Banken nicht bekommen hätten. Es sei aber wichtig, frei entscheiden zu können, auf welche Konditionen man sich einlasse. «Ich hoffe, die Betriebe nutzen ihre neue Freiheit und vergrössern ihr Angebot, statt sich freiwillig zum Status quo zu verpflichten.» Bei den Kleinbrauereien ist die Freude gross über das Ende des städtischen Biermonopols. «Wir haben oft mit den städtischen Restaurants gesprochen und für uns geworben», sagt Beat Spälti, Geschäftsführer von Stadtguet. Die Antwort sei immer die gleiche gewesen: Wir dürfen leider nicht. «Jetzt dürfen sie», sagt Spälti. «Was wir draus machen, ist unser Bier.» Die Zahl der Gäste, die sich bewusst für ein lokal gebrautes Bier entschieden, sei gewachsen. «Viele bestellen aber immer noch eine ‹Stange› oder ein ‹Grosses› und wissen gar nicht, was sie trinken. Bei Wein würden sie ja auch nicht einfach ‹ein Glas Roten› bestellen. Hier gibt es also noch viel Potenzial für uns.» «Wunderbar» findet Daniel Reichlin die Nachricht aus dem Stadthaus. Der Braumeister bei der Wülflinger Kleinbrauerei Euelbräu sagt, er werde gerne versuchen, einen Fuss in die Tür der städtischen Betriebe zu kriegen. Dass man Heineken oder andere Grossbrauereien als Hauptlieferant ausstechen könne, glaubt er aber nicht. «Wir können Wirten die Möglichkeit bieten, ein gutes Bier aus Winterthur auszuschenken. Wir können aber nicht Bank spielen.» Euelbräu sei dar­um ein klassisches Zweitbier. Oder in Fussballbegriffen: «Wir können nicht in der Champions League mitspielen. Wir wollen eher wie der FC Winterthur sein: ein sympathischer Challenge-League-Club.»

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