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Das Huhn, der clevere Hausgenosse

Ein neues Buch widmet sich ganz dem Huhn. Nach der Lektüre über dieses völlig unterschätzte Tier möchte man gleich selber Federvieh halten.

Bunte Eier, so weit das Auge reicht, Hasen in allen Lebensmittel-varianten. Ostern ist das Fest der Auferstehung, der Eier und der Hasen. Und das Huhn? Das Tier, das jahrein, jahraus an Weihnachten eine Zutat für die Plätzchen liefert und an Ostern eine der Hauptspeisen? Ja, wer spricht schon vom Huhn. Der Verhaltensbiologe Joseph Barber hat nun gemeinsam mit weiteren Fachleuten dem Nutztier ein wunderschönes, bi-bliophil gestaltetes Buch mit vielen Abbildungen gewidmet. Das Huhn ist nämlich ein Tier mit Trendpotenzial. Wer die Nase voll hat von Lebensmitteln, die unter tierquälerischen Bedingungen hergestellt wurden und von denen man keine Ahnung mehr hat, woher sie kommen, und noch viel weniger, was sie beinhalten, der hält zunehmend selber Hühner. Die Tiere sind verhältnismässig pflegeleicht, brauchen wenig Platz und machen als Familienmitglieder sogar richtig Spass. Ausserdem eignen sie sich als biologische Schädlingsbekämpfer, denn sie fressen Schnecken, Zecken, Ameisen, Raupen – und ja, auch mal einen jungen Salat, aber den opfert man ja gern angesichts des offensichtlichen Nutzens des Federviehs. Nicht nur FleischlieferantDoch der grosse Pluspunkt des Buches ist, dass die Autoren dem Huhn jenseits von Dotter und Chicken Wings ein Denkmal setzen und zeigen, dass Hühner mehr als nur Eier- und Fleischlieferanten sind. Sie nehmen den Leser mit auf eine spannende Entdeckungsreise quer durch die Kulturgeschichte des Huhns und seiner Menschen. Eine Übersicht über die verschiedenen Rassen und Tipps zur Haltung machen das Buch zu einem praktischen Ratgeber für künftige Halter von Federvieh. Erstaunlich ist von heute aus gesehen, dass der Mensch vermutlich erst einmal Hähne domestizierte und an den Hennen gar nicht interessiert war. Die ältesten Spuren der Nutzung sind etwa 10?000 Jahre alt und wurden im südostasiatischen Raum gefunden. Hähne wurden nicht verspeist, sondern als Kampfhähne genutzt. Und im Schlepptau der Hähne folgten die Hennen, die ihre Gockel naturgemäss begleiten. Vermutlich landete bisweilen ein Federvieh als rasch verfügbarer Fleischlieferant auch mal in einem Kochtopf. Die ältesten Belege für die Haltung des Haushuhns stammen aus China aus der Zeit 5400 v. Chr. Damit kamen die Hühner später als der Hund und andere Haustiere zum Menschen. Bislang hat man erst aus römischer Zeit Hinweise, dass Hühner gezielt und in grösserem Umfang als Fleischlieferanten gezüchtet wurden. Die industrielle Ausbeutung des Tiers mit allen ihren Konsequenzen erfolgte erst Mitte des 20. Jahrhunderts. Der Hahn Auch wenn Hühner und Hähne heute aus unserem Bewusstsein verschwunden sind: Bis in die neuere Zeit hatte das Bild vor allem des Hahns einen überwiegend positiven Symbolwert: Sein Krähen kündete vom Kommen des Lichts – so bei den alten Ägyptern wie auch im Christentum: Christus spricht zu Petrus: «Wahrlich, ich sage dir: In dieser Nacht, ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen» (Matth. 26, 34). Das Krähen des Hahns führte Petrus den Verrat vor Augen und also zur Selbsterkenntnis. Hühner dagegen geniessen einen eher schlechten Ruf: Im Judentum sind sie Lieferanten von rasch verfügbarem Fleisch, sie werden in einem Kapparot genannten Ritual erst über dem Kopf geschwenkt und dann geschlachtet. Das Tier übernimmt symbolisch die Sünden der Person, die das Ritual durchführt. Frauen, die man für wenig intelligent hält, nennt man (dummes) Huhn. Ihre Sicht auf die WeltAber Hühner sind überhaupt nicht dumm, «Hühner sind genauso intelligent wie Menschen», behauptet Joseph Barber und meint damit, dass das Federvieh ebenso wie Menschen sich in seiner Umwelt erfolgreich behauptet und überleben kann. Küken haben zum Beispiel Zahlensinn: Sie halten sich lieber in grösseren als kleineren Gruppen auf, was ihre Überlebenschance erhöht. Was Huhn/Hahn mit dem Menschen verbindet: Beide haben zwei Hirnhälften, sogenannte Hemisphären. Wie beim Menschen übernehmen einzelne Teile des Gehirns unterschiedliche Funktionen. Diese «Lateralisation», wie der Fachmann die Funktionsweise des Hirns nennt, ist bei Hühnern gerade beim Sehsinn ausgeprägter als beim Menschen. Hühner können entweder mit beiden Augen gleichzeitig ein Objekt betrachten oder sie nehmen gleichzeitig mit jedem Auge ein anderes Bild wahr. Die Vögel können also die Welt aus verschiedener Perspektive betrachten. Damit sind sie sehr vielen Zweibeinern intelligenzmässig doch gewaltig voraus. Ausserdem haben sie aufgrund der Anordnung ihrer Augen einen richtigen Panoramablick, eine Form von Übersicht, die doch so manchen zweibeinigen Zeitgenossen auch guttäte. Hühner zu halten, ist also nicht nur nützlich, sondern erweitert dem Menschen auch den Horizont. Das Huhn. Geschichte, Biologie, RassenHrsg. Joseph BarberHaupt-Verlag Bern/Stuttgart/Wien 2013. Aus dem Englischen übersetzt von Susanne Schmidt-Wussow224 S., gebunden, ca. 39 Fr.

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