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«Das Knie ist komplizierter als die Hüfte»

Über 80 Prozent der Patienten seien mit ihrer Knieprothese zufrieden, sagt Karl Biedermann. So gut wie bei den Hüftgelenken sind die Resultate aber meist nicht, weiss der Chirurg.

In den letzten Jahren hat der Ersatz von Kniegelenken markant zugenommen. Die Anzahl hat sich seit Anfang Jahrtausend mehr als verdoppelt auf rund 16 000 jährlich. Ist hierfür die bessere Qualität der Grund? Karl Biedermann: Zum Teil. Neu sind künstliche Kniegelenke nicht. Sie werden schon seit den 70er-Jahren eingesetzt. Doch heute stehen zahlreiche verschiedene Formen sowie Teilprothesen zur Verfügung. Zudem ist die Operationstechnik besser geworden. Für die Zunahme ist aber auch die Bevölkerungsstruktur verantwortlich: Die Leute werden immer älter und haben den Anspruch auf eine gute Lebensqualität bis ins hohe Alter. Was wird genau ersetzt? Weniger als viele glauben. Man entfernt den defekten Gelenksknorpel sowie einen kleinen Teil des Knochens. Dann wird ein hochpoliertes Metallteil auf die genau zugeschnittenen Flächen des Ober- und Unterschenkelknochens angepasst. Dazwischen wird ein Kunststoffteil aus Polyethylen, sozusagen ein künstlicher Meniskus, eingesetzt. Dieser minimiert die Reibung zwischen den Metallteilen. Die Bänder bleiben erhalten. Wichtig ist auch, die natürliche Achsenstellung des Beines wieder herzustellen, also ein O- oder X-Bein zu korrigieren, sodass das Kniegelenk wieder gleichmässig belastet wird. Das erreicht man durch Zurechtschneiden der Knochenform – heute meist hochtechnologisch mit Computerunterstützung. Wann kommen vollständige und wann Teilprothesen zum Einsatz? Teilprothesen setzt man ein, wenn nur ein Teil des Gelenks beschädigt ist, entweder die Innen- oder die Aussenseite. Dieser ­Eingriff ist kleiner. Seit kurzem werden individualisierte Knieprothesen angeboten, welche sich ge­gen­über den bisherigen aber nicht besser bewährt haben. Sind die neusten Produkte also nicht immer die besten? Nein. Häufig verlangen Patienten nach den neusten Trends, welche durch die Medien und Gesundheitssendungen angepriesen werden. Doch hinter diesen Produkten steht auch eine Industrie, die Geld machen will. Es zeigt sich aber erst nach rund 15 Jahren, ob sich ein neues Implantat bewährt hat. Ich setze deshalb eher auf Implantate mit bekannten Langzeitergebnissen. Wie gut sind künstliche ­Kniegelenke? Ziemlich gut: 80 bis 90 Prozent der Operierten sind mehr oder weniger zufrieden. Aber die Resultate der Knieprothesen kommen nicht an diejenigen der Hüftprothesen heran. Das Knie ist ein ungleich komplizierteres Gelenk als die Hüfte: Neben der Scharnierfunktion ermöglicht es auch Drehbewegungen. Zudem ist das Knie weniger von Weichteilen umgeben als die Hüfte. Die Patienten spüren beim Knie häufiger, dass sie einen Fremdkörper in sich tragen. Und wie steht es mit Beweglichkeit, Schmerzen und Belastbarkeit? Meist erreicht man eine deutliche Reduktion der Schmerzen. Der Eingriff sollte ja erst durchgeführt werden, wenn die Betroffenen stark leiden. Moderate Bewegungen im Alltag sowie Sport­arten ohne Schläge sind in den meisten Fällen wieder möglich. Also Wandern, Schwimmen, Velofahren, Langlaufen oder gar Skifahren. Nicht zu empfehlen sind Fussball oder Joggen. Die Beweglichkeit hängt auch vom Zustand des Beines vor der Operation ab. Ist es bereits zu Kontrakturen gekommen, weil das Bein kaum mehr bewegt wurde, ist es schwieriger, wieder die volle Beweglichkeit zu erreichen. In welchem Alter kommt ein Ersatz infrage? Unter 55 sollte man zurückhaltend sein, obwohl in den USA öfter bereits mit 40 operiert wird. Ein Kunstgelenk hält 15 bis 25 Jahre, nachher sind Abnutzungen und Lockerungen möglich. Eine erneute Operation ist aber schwieriger, weil es häufig zu Knochenverlust kommt. Ist ein Patient noch bei guter Gesundheit, aber durch die Kniearthrose stark eingeschränkt, kann auch bei über 80-Jährigen mit gutem Erfolg ein Kunstgelenk eingesetzt werden. Es ist die Kunst des Arztes, den Patienten richtig ein­zuschätzen: Kein Patient ist gleich wie der andere, und auch Schmerzen werden unterschiedlich wahr­genommen. Was für Komplikationen sind möglich? Probleme sind vorprogrammiert, wenn das Gelenk nicht optimal eingesetzt wurde, die Bänder zu straff oder zu locker sind, die Beinachsenstellung nicht stimmt oder die Grösse des Gelenkes nicht genau passt. In seltenen Fällen kann es zu Infekten kommen – akut oder chronisch. Ganz selten treten auch allergische Reaktionen auf. Manche Patienten ­erwarten auch zu viel: Ein Kunstgelenk ist nie so gut wie ein natürliches, gesundes Gelenk. Was für Alternativen zum ­Implantat gibt es? Bei einer beginnenden Arthrose stehen verschiedene gelenks­erhaltende Operationen zur Verfügung. Meist wird versucht, die Ausrichtung der Beinachsen zu verbessern, um den übermässig strapazierten Gelenksteil zu entlasten. Dies geschieht durch Zurechtschneiden des Knochens. Oder man entnimmt an einer wenig belasteten Stelle des Gelenkes einen Knochenknorpelzylinder und transplantiert diesen an den defekten Ort. Daneben gibt es verschiedene Knorpelersatztechniken: Zum Beispiel entnimmt man eigene Knorpelzellen, züchtet diese und setzt sie im defekten Bereich wieder ein. Viele der neuen Techniken sind aufwendig und befinden sich im experimentellen Stadium. Durch Fortschritte in der Genetik sind aber in Zukunft weitere Erfolge zu erwarten. Welches sind überhaupt die Gründe für eine ausgeprägte Arthrose? Oft ist der Gelenksverschleiss ­erblich mitbedingt. Auch Knorpelverletzungen durch Unfälle oder eine frühere Entfernung des Meniskus sind Gründe für eine Kniearthrose. Oder rheumatische Erkrankungen wie etwa die Polyarthritis. Übergewicht und zu ­wenig Bewegung spielen ebenfalls eine Rolle. Manche sagen, eine falsche Ernährung sei schuld. Doch das ist wissenschaftlich nicht erwiesen. Ausführliche Informationen und Illustrationen unter: www.gelenkchirurgie.ch

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