Zum Hauptinhalt springen

Das Leben als Wettkampf Neue Chance

Lindsey Vonn ist permanent bestrebt, die Nummer 1 zu sein – aktuell in der heutigen WM-Abfahrt. Der Ehrgeiz treibt sie an, der Sport gibt ihr Halt. Schweizerinnen

Lindsey Vonn lächelt. Wie sie es fast immer tut, wenn Kameraleute und Fotografen zugegen sind. Es sei ein guter Tag, aber kein sehr guter, hält die 30-Jährige an der Medienkonferenz nach dem Super-G fest. Vergleichbare Aussagen folgen, das Lächeln wirkt zusehends gequälter, von der gewohnten Eloquenz ist wenig zu spüren. Rasch wird klar: Es handelt sich um die falsche Bühne. Bronze ist nicht die Farbe, die sich die Amerikanerin vor dem ersten WM-Rennen in Beaver Creek ausgemalt hat. Wobei sie dies nicht explizit erwähnt.

Vonn kennt ihre Schlüsselrolle an der für ihren Verband so wichtigen Heim-WM. Sie weiss, dass sie an der abendlichen Siegerehrung in ihrem Wohnort, dem nahen Vail, wie eine Weltmeisterin gefeiert werden wird. Sie weiss, dass sie sich entsprechend zu präsentieren hat. Für die vor Ort präsenten Anhänger ist die Differenz zwischen Bronze und Gold marginal, für Vonn hingegen fundamental.

Sie will die Beste sein, aktuell in der heutigen WM-Abfahrt (19 Uhr MEZ), generell in sämtlichen Bereichen, in denen man die Beste sein kann. Ihr Rennen ist im Zielraum nicht zu Ende, das Leben längst zu einem grossen Wettkampf geworden. Den Frauenrekord Annemarie Moser-Prölls (62 Weltcupsiege) hat sie eben erst gebrochen, die Jagd auf den Geschlechter übergreifenden Bestwert Ingemar Stenmarks (86) eröffnet. Vonn handelt im vollen Bewusstsein, pflegt zu sagen, das Skifahren gebe ihr Halt und den Rhythmus vor, lenke die Gedanken. Die Aussagen versteht nur richtig, wer ihre Geschichte aufrollt – sich eine «Geisterfahrt durch ihre Vergangenheit» antut, wie es ein deutsches Magazin formulierte.

Schuldgefühle, Depressionen

Lindsey Kildow war drei Jahre alt, als sie erstmals auf die Ski gestellt wurde – am Buck Hill, einem Hügel im Niemandsland von Minnesota. Der Ehrgeiz von Vater Alan, früher selbst Skirennfahrer, bewog die Familie zum Umzug nach Vail; es kam zur Scheidung der Eltern. Lindsey litt an Schuldgefühlen, weil sie glaubte, die Geschwister seien ihretwegen entwurzelt worden. Die Depressionen, ob derer sie eigenen Aussagen zufolge seit 2002 Medikamente schluckt, dürften in diesem Zusammenhang entstanden sein. Sie war noch ein Teenager, als sie ihren nachmaligen Mann kennen lernte. Zwei Jahre später kam es zum Bruch mit dem Vater, weil dieser die Beziehung mit dem neun ­Jahre älteren Freund nicht tolerierte.

Thomas Vonn entpuppte sich als Besessener, er optimierte Lindseys Umfeld mit gütiger Hilfe eines österreichischen Grosskonzerns bis zum Gehtnichtmehr. Als Aktiver war ihm der Vorstoss in die Weltspitze verwehrt geblieben, als Dirigent seiner Frau wollte er Verpasstes nachholen. Sportlich ging das Vorhaben auf, privat alles kaputt. 2011, vier Jahre nach der Heirat, kam es zur Trennung; 2013 wurde die Ehe geschieden.

Lichtgestalt Tiger Woods

Bevor es so weit war, hatte Lindsey nach sechsjähriger Kommunikationspause den Kontakt zu ihrem Vater wiederhergestellt – gewiss nicht nur, aber auch zweckgebunden. Sie benötigte Hilfe, als Rechtsanwalt konnte er den erforderlichen Support bieten. Lindsey und die Männer – die Geschichte dreht weiter. Ihr jetziger Partner, der Golfer Tiger Woods, ist passenderweise die Lichtgestalt in seinem Metier, zudem global einer der bekanntesten Amerikaner; er gehört in die gleiche Klasse wie Bill Gates, Hillary Clinton und Michael Jordan. Vonn ist in Europa längst eine grosse Nummer. An Woods’ Seite steht sie auch in den USA im Scheinwerferlicht.

Vor diesem Hintergrund erstaunt es nicht, wird in der Szene hinter vorgehaltener Hand zuweilen von Inszenierung gesprochen. Zumal der Trennstrich zwischen Dichtung und Wahrheit in Vonns Vita nicht überall ersichtlich ist. Vor den Olympischen Spielen 2010 in Vancouver verkündete sie an einer eigens einberufenen ­Medienkonferenz, wegen einer Schienbeinprellung womöglich nicht antreten zu können; wenige Tage später gewann sie die Abfahrt. Ein Jahr darauf, an der WM in Garmisch-Partenkirchen, erlitt sie im Vorfeld eine Gehirnerschütterung und gewann in der Abfahrt dennoch Silber. Das Thema beherrschte die Schlagzeilen, Vonn wurde von der Speed-Queen zur Drama-Queen. Investigative Journalisten begannen die zuvor skizzierte Schilderung von Kindheit und Jugend zu hinterfragen.

Stefan Abplanalp hat Vonn in diesem Winter in die Weltspitze zurückgeführt. Der Berner Oberländer spricht von einer «enorm wichtigen Erkenntnis» und präzisiert, die Athletin habe realisiert, dass sie verwundbar sei. Dazu benötigte es neben des Trainers Worten zwei Kreuzbandrisse innert zweier Jahre sowie die ärztliche Prognose, wonach sie mit bleibenden Schäden rechnen müsse, falls sie von ihrem Plan, trotz beschädigtem Knie an die Olympischen Spiele nach Sotschi zu reisen, nicht abweiche.

Gold in Griffnähe

Nun ist der Körper genesen, und der Kopf scheint frei zu sein. Skitechnische Defizite ortet Abplanalp beim Linksschwung; er sagt, die Innenlage sei oft am Limit. Ansonsten bestehe die Herausforderung an der WM darin, Vonns Ener­gie­­haushalt zu steuern, ihr das bestmögliche Umfeld zu schaffen. Will heissen, Gold ist in Griffnähe, die Ausgangslage vor dem heutigen Rennen so, wie es sich die Veranstalter wünschen.

Trainieren, fahren, siegen, lächeln – der Rhythmus soll bis Olympia 2018 beibehalten werden. Die zentrale Frage jedoch betrifft die Zeit nach der Karriere: Wie sieht Vonns Leben aus, wenn ihr Wettkampf zu Ende ist, wenn keine Rekorde mehr am Horizont stehen? Die Antwort steht in den Sternen. Micha Jegge

Nach dem verpatzten WM-Auftakt im Super-G haben die Schweizer Speed-Frauen heute Freitag Gelegenheit zur Revanche. In der Abfahrt in Beaver Creek wollen Lara Gut und Fabienne Suter neue Chancen wahrnehmen.

Der Frust war gross im Schweizer Frauenlager am letzten Dienstag. Cheftrainer Hans Flatscher gab tags dar­auf zu: «Diese Niederlage im WM-Super-G hatten wir zuerst einmal verdauen müssen. Das nagte an uns.» Mitfavoritin Lara Gut war am Tag X von ihrem Instinkt im Stich gelassen worden. Fabienne Suter hatte vor allem Mitleid erweckt. Für sie war es hart, akzeptieren zu müssen, dass sie bei den stürmischen Verhältnissen, die während ihrer Fahrt herrschten, von vornherein komplett chancenlos war. Nun sei die Super-G-Niederlage abgehakt.

Derweil will Dominique Gisin das scheinbar Unmögliche möglich machen. Die Engelbergerin fliegt heute Freitag in die USA. Sie will versuchen, in Beaver Creek im Riesenslalom am kommenden Donnerstag zu starten. Gisin hat sich vor zweieinhalb Wochen bei einem Sturz im Weltcup-Super-G in Cortina eine nicht verschobene Schienbeinkopf-Fraktur zugezogen. Vorerst war von einem Ausfall von vier bis sechs Wochen ausgegangen worden. si

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch