Zum Hauptinhalt springen

Das Leben auf den zwei Seiten eines Flusses

Zürich. Ein Versuch der Verständigung. Die Performer Boyzie Cekwana und Panaibra Canda gehen am Theaterspektakel über die Grenzen.

«The Inkomati (dis)cord» – so der Titel der ersten gemeinsamen Arbeit des Südafrikaners Boyzie Cekwana mit Panaibra Canda aus Mosambik – spielt auf den Nkomati Accord, das Friedensabkommen zwischen den benachbarten verfeindeten Staaten, an.

1984, als die beiden Performer noch Kinder in Durban respektive Maputo waren, schlossen die damaligen Präsidenten, Pieter Willem Botha für das südafrikanische Apartheidregime und Samora Machel für das kommunistische Mosambik, einen Nichtangriffspakt, welcher aber bereits ein Jahr später gebrochen wurde: discord, Zwiespalt, jahrzehntelanger Bürgerkrieg auf beiden Seiten des Nkomati-(Incomati- oder auch Komati-)Grenzflusses. Entfällt das trennende dis- im Titel, bleiben das verknüpfende cord, die Kordel, das Seil, aber auch die zuschnürende Fessel übrig.

Verzwickt kompliziert

Die Si­tua­tion zwischen den Ländern und den Performern ist verzwickt, kompliziert, das gibt Cekwana am Schluss sogar selbst zu, aber ungemein dicht und im Gegensatz zu seinen früheren Stücken, die wie Ohrfeigen schmerzten, sogar ungewöhnlich fein. Das mag an den zwei mosambikanischen Tänzerinnen liegen, vor allem an der beinlosen Maria Tembe, welche ein behutsames, inniges Duo mit Panaibra Canda tanzt, während die hehren und hohlen Worte über Verbrüderung und Würde von Samora Machel zu hören sind: präsidiales Blabla anno 1982.

Sonst tanzen die an sich gut ausgebildeten, ausdrucksstarken und am Zürcher Theaterspektakel schon mehrfach eingeladenen Choreografen freilich nicht, es gibt einzig einmal zwei Minuten lang deplatzierte Tangomusik, aber sie haben verbal viel anzuprangern.

Zuerst jedoch starren sie, verborgen hinter plumpen, weissen Masken aus Kopierpapier, lange das Publikum an, um es danach mit Papierknäueln zu bombardieren: Verweigerung und Provokation, das kennt man von Cekwana, auch die Demaskierung jeglicher Ideale. Unheimlich, wie Canda die politische und militärische Doktrin zerlegt, ja zerschreit, und dabei willenlos in Kampfstiefeln im Kreis rotiert; beklemmend, wie Tembe ihren versehrten Körper selbst mit Klebeband flickt und sich dabei fast mundtot macht. Dabei ist Reden und Verstehen essenziell, um Grenzen, geografische, sprachliche und ästhetische, sichtbar und überwindbar machen zu können.

Versöhnung am Schluss

Das tut das Quartett, in einer Reihe sitzend, zum versöhnlichen Schluss auch und hält dem Blabla der Politiker Konkretes aus dem Alltag entgegen: Maria Tembe mümmelt etwas von grosser Liebe und Verlust, Amelia Socovinho erklärt es in einer afrikanischen Sprache, Boyzie Cekwana – grotesk kostümiert als blonde Drag Queen, das Unterwandern von Geschlechtergrenzen ist seit jeher ein Thema bei ihm, – übersetzt es trocken ins Englische und Panaibra Canda in die klangvolle Amtssprache Portugiesisch, während das Publikum die auseinanderdriftenden Übersetzungsvorgänge rund um den Nkomati-Fluss in deutschen Obertiteln verfolgen kann.

Schliesslich einigt man – Performer und wohl auch die kritischen Zuschauer – sich darauf, dass die Arbeit, die Suche weitergehen muss.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch