Zum Hauptinhalt springen

Das Leben, die grosse Show

In «Liberace» schildert Steven Soderbergh sieben Jahre aus dem Leben des US-Entertainers Liberace. In den Hauptrollen spielen grossartig Michael Douglas und Matt Damon die Geschichte einer das ganze Leben lang geheim gehaltenen Homosexualität.

Als W?adziu Valentino Liberace 1987 seine Augen für immer schloss, tat er dies wohl in der Annahme, seinen grössten und längsten Auftritt, nämlich sein Leben, bis zuletzt souverän gemeistert zu haben. Tatsächlich notierte sein Leibarzt auf dem Totenschein «Herzversagen» und damit hätte der weltbekannte Entertainer sein eifrig gehütetes Geheimnis mit ins Grab genommen. Die staatlich angeordnete Autopsie dann jedoch verortete andere Todesgründe: Der Entertainer Liberace, geboren 1919 in Wisconsin, gestorben im Februar 1987 in Palm Springs, ab seinem sechsten Lebensjahr als pianospielendes Wunderkind gefeiert, vor allem in den 1960ern und 1970ern für seine schrillen Las-Vegas-Shows weltbekannt, war eines der ersten prominenten Aids-Opfer.

Dass davor niemand geglaubt hatte, dass der Entertainer – der solcherlei Gerüchte souverän, wenn es sein musste auch mal mit einer gerichtlichen Klage aus der Welt schuf – homosexuell war, mutet retrospektiv bizarr an. Ein Blick ins Youtube-Archiv zeigt Liber-ace-Auftritte von einer Queerness, die selbst einem Blinden in die Augen stechen bzw. in die Ohren fahren müssen:

Schrille schwule Lovestory

«Man sieht nur, was man sehen will», heisst es irgendwo im neuen Film von Steven Soderbergh, um den es hier geht. Der Film kommt bei uns unter dem (unmöglich langen) Titel «Liber-ace – Too Much of a Good Thing Is Wonderful» ins Kino; original titelt er durchaus treffend und übrigens gleich wie das Buch, das ihm zugrunde liegt, «Behind the Candelabra». Er ist kein Biopic im engen Sinn des Wortes, sondern fokussiert auf die Jahre von 1977 bis 1984, die Scott Thorson, der das Buch schrieb, als Liebhaber an Liber-aces Seite verbrachte.

Eine schrille schwule Lovestory serviert Soderbergh seinem Publikum also und zudem noch eine ohne Happy End. Dass Soderbergh mit seinem seit Jahren gehegten Anliegen, diese Geschichte auf Leinwand zu erzählen, auch im heutigen Amerika an Grenzen stossen bzw. bei den grossen Hollywood-Studios nicht auf offene Ohren stossen würde, versteht sich. So hat Soderbergh «Liberace» denn nicht als Kino-, sondern als Fernsehfilm produziert, und dieser lief in den USA denn auch nicht etwa im Kino, sondern war, fünf Tage nachdem er in Cannes seine Uraufführung gefeiert hatte, auf dem Pay-TV-Sender HBO zu sehen. Man möchte dar­über nicht unnötige Worte verlieren, doch es ist eine Tatsache, über die einmal nachzudenken lohnt: Wo es um gesellschaftlich relevante, aber heikle, die Menschen bewegende Themen geht, haben in den USA derzeit nicht die Hollywood-Studios, sondern die TV-Sender die Nase vorn – man denke nur an die Erfolge von Serien wie «Breaking Bad», «The Wire», «Homeland» oder auch von «Castle», «Californication», «Dammages».

Bei uns nun aber kommt «Liberace» ins Kino, und er hat die grosse Leinwand durchaus verdient. Da wird aus der Sicht des von Matt Damon souverän gespielten Scott Thorson geschildert, wie sich Liberace und sein neuer Herzknabe nach einem Konzert backstage kennen lernen. Dabei ist dieser Scott vielleicht so ausgesprochen gay gar nicht. Auf alle Fälle hat er mit der Welt von Glanz & Glamour wenig am Hut, sondern will Tierarzt werden, als er den gut vier Jahrzehnte älteren Entertainer kennen lernt. Doch die sogenannte Liebe lässt sich nicht steuern. Sie macht vielmehr blind.

Liebe mit Skalpell

Es ist nicht wirklich eine Partnerschaft, die da entsteht. Vielmehr ist Scott ein Spielzeug in der Hand seines von Michael Douglas glänzend gespielten Lovers. Eine fixe Vision in dessen Kopf, die ihren fast schon perversen Gipfel erreicht, als Liberace, der sich altershalber einer Schönheitsoperation unterzieht, Scott sich auch unters Messer legen heisst und dessen Gesicht so ummodellieren lässt, dass dieser wie sein jüngeres Alter Ego aussieht: Diese Transformation im Kinosessel mitzuerleben, zu sehen, wie sich Douglas und Damon bis aufs Tüpfchen ähnlich zu sehen beginnen, ist übrigens – und das allein lohnt schon diesen Film anzuschauen – ein geradezu spukhaftes Erlebnis.

So erzählt «Liberace» zum einen denn also eine den üblichen Bogen von erster Attraktion, sexuellem Begehren, liebendem Beisammensein bis hin zum Streit und von Egozentrik und Drogen durchdrungenen Rosenkrieg durchlaufende Lovestory. Zum anderen aber vermittelt Soderberghs Film erschütternde Einblicke in die vor wenigen Jahrzehnten noch von rigoroser Prüderie und Verlogenheit geprägte Gesellschaft Amerikas, und man kommt nicht um-hin, sich an dessen Ende die Frage zu stellen, ob diese Gesellschaft heute so tatsächlich nicht mehr existiert.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch