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Das Leid bewältigen

Die Kantorei Töss und das Schaffhauser Barock-En­sem­ble führen die Johannes-Passion von Bach auf. Heute in Töss und morgen in Andelfingen.

«Wohin, wohin, wohin? Nach Töss, zur Aufführung der Johannes-Passion», heisst es in der Mitteilung des Chors. Eine scherzhafte Anspielung auf den Text des Werks, die sogleich relativiert wird: «Nein, in der Passion wird diese Frage anders beantwortet. Aber war­um sollte man unbedingt die Johannes-Passion in der Aufführung mit der Kantorei Töss und dem Schaffhauser Barock-En­sem­ble sowie fünf Solisten unter Kantor Hans-Jörg Ganz erleben? Die Komposition von Johann Sebastian Bach ist ein unzählige Male auf CD eingespieltes Werk, das man daheim in bester Qualität, auf dem Sofa liegend, geniessen kann. Wozu also zwei Stunden in einer Kirche auf harten Stühlen ausharren?»

Es gibt durchaus Gründe, die dafür sprechen, und sie haben etwas zu tun mit Gemeinschaft, ohne die es Religion nicht gibt: «Weil spürbar wird, was keine CD vermittelt: die Gemeinschaft, die entstanden ist durch monatelanges Miteinanderproben, das Ringen mit den Anforderungen der Musik und den eigenen Möglichkeiten, und die Freude über den zurückgelegten Weg und das gemeinsam Erreichte.» Und nicht zuletzt geht es um die Erfahrung von Leid, sie bildet den Kern des grossartigen Werks. Und so fährt die predigt­artige Medienmitteilung fort: «Weil jeder und jede angesprochen wird mit menschlichen Erfahrungen und Fragen zu Leid, Elend und persönlichem Schmerz, so spröd und unverständlich uns die barocken Texte der Arien und Choräle zunächst vorkommen.»

Die anfangs zitierte Frage wird durch den Chor gestellt, und durch den Bass-Solisten beantwortet – «nach Golgatha» sollen die «angefochtnen Seelen», also alle Leidenden, eilen. Sie stellen die Frage nach dem Wohin in oder mit ihrem Leid und werden erkannt als Hadernde, Zweifelnde, Suchende, die sich bemühen, einen Ausweg aus ihrer Si­tua­tion zu finden. Sie sind aufgerufen, selber die Änderung herbeizuführen, indem sie sich anstrengen, ihre Höhlen verlassen und den Berg erklimmen; den Berg, den ihr Leid ausmacht, bewältigen, statt in Ohnmacht und Selbstmitleid zu verharren.

Am Ende kann die Musik Bachs etwas schenken, das man mit dem selten gewordenen Wort «Trost» bezeichnen kann: Die Leidenden «können Trost in der Wahrheit finden, dass es kein Recht auf ein Leben ohne Leid gibt. Weil Tod und Leiden heute zwar vielfach unsichtbar, aber doch sehr präsent in unserem Leben sind: Die Musik von Johann Sebastian Bach, speziell die Johannes-Passion, vermittelt uns durch ihre Unmittelbarkeit und ihre Wahrhaftigkeit nicht nur einen neuen Zugang zu diesen Dingen, sie schenkt uns dadurch Trost.» (red)

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