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Das letzte Liebespaar der Welt

Mit «Only Lovers Left Alive» stellt Jim Jarmusch einen wunderbar eigenwilligen, so tief melancholischen wie erfrischend lakonischen Vampirfilm vor. Grossartig blass sind in den Hauptrollen Tilda Swinton und Tom Hiddleston, der zum Anbeissen ist.

Das beginnt schon damit, dass die Prot­ago­nis­ten ihr Lebenselixier aus Angst vor Vergiftungen («heute sind fast alle Menschen kontaminiert») aus Prinzip nicht aus frischen Bisswunden saugen, sondern frisch getestet im Spital abholen und nobel in Kristallgläsern kredenzen. Überhaupt sind sie grundsätzlich überaus kultiviert. Mischen sich nicht in Händel ein, legen sich nicht mit Werwölfen oder sonstigen Fabelwesen an. Überhaupt sieht Jarmuschs Film ganz und gar nicht nach «Fantasy» aus.

Adam und Eva

Was wohl auch niemand erwartet. Schliesslich behauptet sich Jarmusch, seit er Anfang 1980er-Jahre mit «Permanent Vacation» und «Stranger than Paradise» seinen Regieeinstand gab, als überzeugter Autorenfilmer und stellt in bewundernswerter Gemütsruhe einen unabhängig produzierten Film nach dem andern vor. Er pflegt dabei nicht nur seine eigene künstlerische Handschrift, sondern kratzt, wie etwa in «Dead Man Walking», «Ghost Dog», «Limits of Control» immer auch wieder unverdrossen an gängigen Genreregeln. So nun auch in «Only Lovers Left Alive».

Erzählt wird von Adam und Eve, dem (den Namen nach zu schliessen) ersten wie (aus dem Titel zu folgern) zugleich letzten Liebespaar der Welt: Ein grosser Entwurf ist das. Adam ist Musiker, Komponist und Erfinder. Er ist begabt, klug und hypersensibel. Er trägt meist Schwarz, lebt zurückgezogenen in einer mit prächtigen Musikalia vollgestopften Villa in einem heruntergekommenen Quartier in Detroit.

Für Musikliebhaber

Adam hat einen menschlichen Assistenten namens Ian (Anton Yelchin), der ihm handgefertigte Holzpatronen ebenso selbstverständlich ins Haus liefert wie rare Saiteninstrumente; es gibt – und es ist dies ein Geschenk für alle Musikliebhaber – ganz zu Beginn von «Only Lovers Left Alive» eine Szene, in welcher Adam von William Lawes’ Gitarrenkompositionen schwärmt und bei der Betrachtung seiner Sammlung erlesener Gitarren in helles Entzücken gerät. Ein Schwärmer ist dieser Adam, aber auch ein Melancholiker. Er verbringt seine Tage schlafend und komponiert nachts, meist tieftraurig-düstere Totenklagen und Trauermärsche.

Eve lebt in der Altstadt von Tanger. Sie trägt, abgestimmt auf blassen Teint und blondweisse Haartracht, Beige, ist den schönen Künsten zugetan, klug und gebildet und sie hat einen guten alten Freund, Marlowe (John Hurt), den sie ab und zu in einem Café auf einen Schwatz trifft. Eve und Adam hingegen führen eine Fernbeziehung. Das seit Jahrhunderten und ein wenig zu ihrem Leid; wiewohl im Zeitalter von Internet, Computer und Smartphone die Kommunikation fast schon problemlos klappt. Auch das Reisen ist, sofern man Nachtflüge bucht, Sonnenbrille und Handschuhe trägt, problemlos. Sodass Eve, als Adams Melancholie zu gross zu werden droht und er in eine Depression zu rutschen droht, ihre Koffer packt und nach Detroit reist. Vertraut-zärtlich ist der beiden Begrüssung, Adam und Eve – gespielt vom selbst blutleer-verwildert noch ungemein sexy wirkenden Tom Hiddleston und einer sensationell blassen Tilda Swinton – sind sich auch nach Jahrhunderten noch liebevoll zugetan.

Nun hängen sie tagsüber zu zweit ­herum. Nachts unternehmen sie romantische Ausflüge in die Ruinen der einst blühenden Metropole der US-Auto-Industrie und irgendwann schneit ihnen Eves jüngere Schwester Ava (Mia Wasikowska) ins Haus. Ava stört in ihrem jugendlichen Ungestüm die traute Zweisamkeit empfindlich. Sie sorgt aber auch dafür, dass man auch schon mal in einen Club an ein Underground-Konzert fährt und dass es zumindest zwischendurch ein bisschen gruselig und blutig zu- und hergeht. So ist «Only Lovers Left Alive» unterm Strich denn weit weniger ein Vampirfilm als eine erfrischend coole, bisweilen hübsch ins Psychedelische kippende Mär um zwei unerkannt unter Menschen lebende Unsterbliche.

Geige und Gitarre

Und etwas ist Jim Jarmuschs jüngster Film auch: eine von wehmütigem Sixties-Soul und melancholischem Garagenpunk geschwängerte Hommage an Detroit und die Musikgeschichte. An Labels wie Stax und Motown, Musiker wie Jack White, Charlie Feathers, Eddie Cochran, Komponisten wie Niccolò Paganini und Franz Schubert – Geige und Gitarre.

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