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Das Paradies ist nicht so fern

Mit «Der Imker» stellt Mano Khalil einen der besten und berührendsten Schweizer Filme rund um die Themen Migration, Culture Clash, Integration – und Bienen vor.

Nicht geschenkt hätte er die Schweiz damals genommen, sagt Ibrahim Gezer in «Der Imker». Der Mittsechziger lebt heute im baselländischen Laufen. «Damals», das war vor den 90er-Jahren. Gezer lebte in der Türkei und war ein gemachter Mann. Er besass 500 Bienenvölker, die pro Jahr 10 bis 18 Tonnen Honig produzierten. Er hatte Geld, Land, Haus und ein Auto. Er hatte eine Frau und elf Kinder, die alle zur Schule gingen. Er war angesehen und wohl auch beliebt im kleinen Dorf in den Bergen, in dem er lebte. Er hatte Pläne für seine Familie, wollte, dass seine Kinder studieren; damals war, muss man annehmen – nein, weiss man am Schluss dieses unter die Haut und warm ans Herz gehenden neuen Filmes von Mano Kha­lil –, Ibrahim Gezer glücklich. Gezer aber redet nicht von Glück. Er erzählt, meist ruhig und mit der Besonnenheit eines Menschen, der vieles, zu vieles vielleicht erlebt hat. Seine Erzählungen sind bunt und voller Vergleiche: «Bienen», sagt Gezer, «sind klug» und eigentlich habe er seine Familie wie ein Bienenvolk organisieren wollen. Doch dann, in den 1990ern, eskalierte der seit Langem schwelende türkisch-kurdische Konflikt in neuer Heftigkeit. Eine von Gezers Töchtern kam ums Leben. Sein Sohn Ali ging in den Widerstand. Vom Fliessband in die Berge Gezer wurde verhaftet, verhört, kam wieder frei. Doch fortan wurden er und seine Familie permanent überwacht, das Haus fast täglich durchsucht. Gezer tauchte ab. Er versteckte sich über sieben Jahre in den türkischen Bergen, bevor er sieben seiner Kinder – zwei weitere leben heute in Grossbritannien – in die Schweiz folgte. Er bekam Asyl und eine winzige Wohnung, und er legte sich zwanzig Bienenvölker zu. Doch in der Schweiz, erklärt man ihm auf der Sozialbehörde, ist Bienenzucht kein Beruf, sondern ein Hobby. Zudem muss ein Mann, bevor er mit 65 Jahren die AHV bekommt, arbeiten und Geld verdienen. Da Gezers eigene Bewerbungen nichts fruchten, vermittelt man ihn an die Vebo, eine auf Arbeit für Menschen mit Behinderung spezialisierte Genossenschaft. Diese setzt ihren neuen Mitarbeiter unter Rücksichtnahme auf sein Interesse an Bienen an ein Fliessband, über das – doch schliesslich mit Honig gefertigte – Ricola-Zeltli laufen. Doch das ist nur eine kleine, groteske Episode im abenteuerlich langen Leben von Ibrahim Gezer, das einer von politischen Ereignissen gesteuerten Odyssee gleicht. Dann lernt er Mano Khalilkennen. 1964 in Kurdistan-Syrien geboren, lebt und arbeitet dieser seit 1996 in der Schweiz. Er begleitet Ibrahim Gezer während einiger Monate mit Mikrofon und Kamera. Er besucht mit ihm diverse Ämter, schaut ihm bei der Arbeit zu, begleitet ihn bei Besuchen bei Kindern und Enkeln, bei Treffen und Festen mit Landsleuten. Vor allem aber und immer wieder fährt Khalil mit Gezer zu den Bienen, die am Filmanfang von Basel an verschiedene Standplätze in den Schweizer Bergen verlegt werden. Es sind landschaftlich betörend schöne, vielleicht nur mit «fremden Augen» so einzufangende Bilder. Sie zeigen die Berge weniger als beeindruckend majestätische Landschaft denn als einen herben und wildwüchsigen Ort, in dem ein Mann Ruhe finden und sich zu Hause fühlen kann. Wo er seine Bienen hegen und pflegen, unter freiem Himmel Brot, Zwiebeln, Peperoni und Gurken essen kann und wo er in Sturm und Regen Menschen findet, die ihn bei sich aufnehmen und seine Freunde werden. Humane Schweiz Ein Haus mit Garten in einem abgelegenen Dorf hoch in den Bergen, wo er zusammen mit seinen Bienen leben könnte: So sehen Gezers Träume aus. Das wäre dann ein bisschen ein Paradies, doch das wäre richtig so, denn das Paradies, sagt Gezer, gibt es nur auf Erden. Er ist ein bescheidener Mann, der Prot­ago­nist von «Der Imker». Er hat viel, auch Trauriges und Schweres erlebt. Doch er liebt die Menschen. Ist weltoffen, lebt verwurzelt in der Gegenwart und ist auf ihm eigene, verschmitzte Art klug und (über-)lebenstüchtig. Zudem verfügt er über die Weisheit eines Mannes, den wenig mehr erschüttern kann, der gleichwohl aber zu weinen fähig ist. Vor drei Jahren hat Mano Khalil mit «Unser Garten Eden» ein lustiges und sehr menschliches Schweizer Culture-Clash-Movie vorgestellt. Mit «Der Imker» stellt er nun das berührende Porträt eines aussergewöhnlichen Menschen vor und entwirft dabei das Bild einer trotz ihres umständlichen Verwaltungsapparats erstaunlich effizient funktionierenden, humanen Schweiz. Und das tut in Anbetracht der in Schweizer Dokfilmen oft einseitig anklägerisch-kritisch betriebenen Betrachtung der Schweizer Asylpolitik wohltuend gut.

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