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Das Reale einfangen

Für ihr Filmprojekt «Realitätsabgleich» ist die Winterthurer Künstlergruppe Antipro nach Ouagadougou gereist. Am Sonntagmorgen spielen die Künstlerinnen und Künstler den Film vor Publikum ein. Die Zuhausegebliebenen sind per Live-Stream im Internet dabei.

Ich solle nicht nur schreiben, was sie mir gerade erzählt haben, sondern etwas Eigenes dazugeben, meint Vincent Hofmann am Schluss des Gesprächs. Der Wunsch ist bezeichnend für die Künstlergruppe Antipro. Nichts, was in diesem lockeren Kollektiv gesagt und gemacht wird, mündet in ein endgültiges Produkt, alles soll weiterführen und zum Denken anregen. Offenheit ist hier mehr als ein Wort. Am Dienstag sind fünf Mitglieder von Antipro nach Ouagadougou gereist, der Hauptstadt von Burkina Faso. Dort werden sie morgen eine Performance vorführen, im Rahmen der Galerien-Tage im Goethe-Institut. Per Live-­Stream kann man sie im Internet mitverfolgen. «Realitätsabgleich» heisst das Projekt, das mehr einer Forschungsarbeit gleicht als einem Kunstwerk im herkömmlichen Sinn. Wie stellen wir uns den Ort der Performance vor und wie sieht er tatsächlich aus? Wie können wir dem Publikum den Unterschied zwischen unseren Vorstellungen und der Realität vermitteln? Um solche Fragen kreist die Arbeit der Künstler. Dabei entsteht ein Drehbuch. Der Rest ist Improvisation, Proben gibt es keine. Chaotisch und schön Nimmt man die auf der Homepage von Antipro abspielbaren Performances zum Massstab, dann dürfte das Resultat ein scheinbar chaotischer Reigen aus enthusiastischen Aktionen sein, die eine ganz eigene Art von Schönheit hervorbringen. Für diesen Versuch, die Realität einzufangen, eignet sich die afrikanische Stadt, weil man hier eher auf ein fremdes Umfeld stösst. Denn das Reale ist vielleicht überhaupt nur im Fremden erfahrbar. Stets suchen wir uns die Welt vertraut zu machen. Der Mensch neigt zur Nähe, sagt der Philosoph Martin Heidegger. Dieser Reflex ist wohl auch im Spiel, wenn die Künstler sich die kommende Performance vorzustellen versuchen. Der Vorgriff auf die Zukunft werde dann immer wieder von Geschichten aus der Vergangenheit durchkreuzt, berichtet Beat Wipf. Das Fremde wird durch das Bekannte ersetzt. Das Fremde – und damit das Reale. Als lebten wir in einem geschlossenen Raum, dessen Wände uns die Welt nur vorgaukeln. Von Schlingensief inspiriert Weshalb gerade Ouagadougou? Die afrikanische Kultur mit ihren Riten habe die Entstehung von Antipro inspiriert, sagt Wipf, der das Performanceprojekt vor zwei Jahren zusammen mit Vincent Hofmann gegründet hat. Eine wichtige Inspirationsquelle ist ferner der deutsche Allroundkünstler Christoph Schlingensief, der mit seinem Operndorf in Ouagadougou bleibende Spuren hinterlassen hat. Hofmann war schon einmal dort, im Rahmen einer Reise nach Togo vor zwei Jahren. Damals hätte er sich gerne frei in der Stadt bewegt, sei aber hermetisch abgeschirmt worden: «Wir gehen dorthin und sagen, das ist die Fremde. Und die Fremde antwortet: Ich nehme euch gefangen.» Die Mehrdeutigkeiten der Sprache sind Teil des Kapitals von Antipro. Ihr Konzept sei die Überforderung, sagt Wipf. Die Selbstüberforderung und die Überforderung des Publikums, das nach einer Botschaft sucht. Deshalb ist die Möglichkeit des Scheiterns hier kein Eventualfall, sie ist vorgesehen. Die Kosten des dreiwöchigen Aufenthalts übernimmt das Goethe-Institut, den Flug haben die Künstler aus der eigenen Tasche bezahlt – mit den Einnahmen aus ihren Performances, wie sie stolz berichten. Nach dem Auftritt vom Sonntag sind auch Aktionen auf der Strasse und in Schlingensiefs Opernhaus geplant. Es sind gerade die scheinbar banalen Fragen, die sich die Künstlerinnen und Künstler stellen. «War­um war ich eigentlich noch nie in Afrika?», fragt sich Alexandra D’Incau. «Was nehme ich wahr und wie werde ich wahrgenommen?» Gelebte Demokratie Auch wenn die Improvisation am Ende eine zentrale Rolle spielt: Bei Antipro wird sehr viel reflektiert. Hoch ist auch das Bewusstsein für die Unterschiede und der Respekt für die anderen. Zum einen unter den Mitgliedern der Gruppe, die sehr demokratisch miteinander umgehen: Wenn einer spricht, hören die anderen zu, auch wenn er abschweift. Zum andern wissen sie, dass sie privilegiert sind: «Wir können einfach dorthin gehen, diese Möglichkeit haben die Leute dort nicht unbedingt», meint Beat Wipf. Deshalb habe man das Wort «Austausch» lange gemieden. Mit ihrer Arbeit stellen Antipro nicht zuletzt geläufige Worthülsen in Frage. www.antipro.ch

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