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Das schlechte Gewissen kauft mit

An Zürichs Bahnhofstrasse gehen seit gestern Kleider zu Ramschpreisen über die Theke, derweil Textilarbeiter in Kambodscha unter Einsatz ihres Lebens für faire Löhne kämpfen. Käuferinnen und Käufer finden das zwar schlimm, aber sie greifen trotzdem zu.

Während gestern in Kambodscha streikende Textilarbeiter von Polizisten mit Maschinengewehren niedergeschossen wurden, begann Tausende Kilometer weiter westlich ein ganz anderer Kampf: jener um die besten Schnäppchen, um modische Pullover und Jeans für ein paar Franken. An der Zürcher Bahnhofstrasse ist Neujahrsausverkauf. Hier die Stadt mit der höchsten Kaufkraft weltweit, dort das Land mit den boomenden Textilfabriken, deren Arbeiter nicht länger für Hungerlöhne von gerade mal 72 Franken im Monat arbeiten wollen. Das unsichtbare Band, das diese beiden ungleichen Schauplätze miteinander verbindet, ist die Produktionskette globaler Modeunternehmen wie H&M oder Zara. Sie gehören zusammen mit Adidas, Puma, Gap und Levi’s zu den Hauptauftraggebern von Kambodschas Textilindustrie. Die Zürcher Schnäppchenjäger sind dar­über durchaus im Bild. Egal, wen man gestern an der Bahnhofstrasse vor den entsprechenden Geschäften anspricht: Keiner macht sich Illusionen darüber, weshalb die Waren dort so günstig sind. Bei H&M sagen zwei Drittel der befragten Kundinnen und Kunden sogar ungerührt: «Kinderarbeit.» Dieses Image scheint nach entsprechenden Medienberichten am schwedischen Konzern zu kleben, obwohl dieser beteuert, sich gegen Kinderarbeit einzusetzen und bei Kontrollen in den Fabriken der Lieferanten sehr selten dar­auf zu stossen. Für die Konsumentinnen und Konsumenten, die bei H&M oder Zara einkaufen, scheint dies gar nicht besonders wichtig zu sein. Sie vermuten so oder so «ganz miese Arbeitsbedingungen» oder «billige Arbeitskräfte» hinter den günstigen Kleidern und finden das «eigentlich» auch schockierend und verwerflich, wie alle beteuern. Auf solche Aussagen folgt dann aber stets ein guter Grund, weshalb sie trotzdem zugreifen. Das eigene Budget ist wichtiger Ein wiederkehrendes Argument ist der Blick aufs eigene Budget, das ziemlich beschränkt sei. Das gilt besonders für jene jungen Frauen, die in diesen Läden in der Mehrheit sind. Aber auch Mütter und Väter, die wegen der Kinder aufs Portemonnaie achten müssen, stellen ihre moralischen Bedenken hintenan. Ein anderes verbreitetes Argument hat einen Zug ins Resignative: Man wisse ja auch in den anderen Läden nicht, unter welchen Umständen die Kleider produziert worden seien. «Ich würde gerne etwas mehr zahlen, wenn ich dafür wüsste, dass es den Leuten gut geht, die meine Kleider herstellen», beteuert eine 34-jährige Zürcherin, die gerade von Zara kommt. Andererseits habe sie gerade kürzlich eine teure Jacke einer skandinavischen Designerin gekauft. «Als ich genauer hinsah, entdeckte ich, dass sie in China produziert wurde – offenbar kommt es gar nicht mehr wirklich dar­auf an, bei wem man einkauft.» Manche drücken auch einfach mal spontan beide Augen zu: «Eigentlich verstösst das Einkaufen hier gegen meine Prinzipien», sagt eine 54-jährige Mutter aus Regensdorf im Eingang zu H&M an der Bahnhofstrasse. «Ich gehe in der Regel an diesen Läden vorbei und zwinge mich, sie nicht zu betreten. Aber gestern sagte meine Tochter, es habe hier so viele coole Pullover ...» Um trotz aller Bedenken Billigtextilien zu kaufen, muss man die inneren Widersprüche verdrängen können. Das machen die meisten gleich: «Beim Shoppen denke ich überhaupt nicht daran, wer die Leute sind, die diese Sachen hergestellt haben», sagt eine 25-jährige Frau aus Pfäffikon. Ein 19-Jähriger aus Freiburg pflichtet ihr bei: «Man blendet das aus», sagt er selbstkritisch. Wenn man solche Dinge höre wie jetzt aus Kambodscha, packe einen aber schon das schlechte Gewissen, fügt die Frau an – und verschwindet im Laden. Kollabierende Näherinnen «Das ist das Dramatische», sagt Christa Luginbühl, Schweizer Koordinatorin der «Clean Clothes Campaign» (CCC). «Wir haben uns an die tiefen Preise gewöhnt, weil uns vorgegaukelt wird, sie seien normal.» Die CCC ist ein internationales Netz von Nichtregierungsorganisationen und Gewerkschaften, die die grossen Markenfirmen und Verteiler unter Druck setzen, damit diese ihre Textilien fair und sauber produzieren. Damit eine kambodschanische Näherin die Existenz ihrer Familie sichern kann, bräuchte sie gemäss CCC nicht nur das Doppelte des heutigen Mindesteinkommens von 72 Franken, wie es die Streikenden derzeit fordern, sondern fast das Vierfache. Wegen der Hungerlöhne und der langen Arbeitstage seien in den letzten Jahren mehrere Tausend Arbeiterinnen und Arbeiter in den Fabriken zusammengebrochen, unterernährt und erschöpft. Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten, die sich daran stören, von solchen Zuständen zu profitieren, sollten laut Luginbühl kritisch reagieren auf das Verhalten der marktdominierenden Textilfirmen, bei denen sie einkaufen. «Sie sollten diese auffordern, für existenzsichernde Löhne zu sorgen, denn das tun heute die wenigsten.» Die Firmen sollen etwas tun Die Bereitschaft dazu ist unter den Schnäppchenjägern an der Bahnhof-strasse durchaus vorhanden. Die Firmen müssten etwas tun, findet die Mehrheit. Viele können sich vorstellen, deshalb zum Beispiel eine Petition zu unterschreiben. Einige äussern aber auch Zweifel am Sinn solcher Aktionen. Ihre Überlegung: Parallel zu den Löhnen für die Arbeiter würden auch die Verkaufspreise der Kleider steigen – und dann blieben die Kunden weg. Dem widerspricht Luginbühl. Da die Arbeitskosten maximal 3 Prozent der Endpreise ausmachten, würde ein existenzsichernder Lohn eine 50-Franken-Jeans nur um etwa 50 Rappen verteuern. Wer wissen wolle, welche Marken diesbezüglich fortschrittlich seien, finde auf der Website der CCC eine Firmenbewertung und sogar eine iPhone-App.

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