Zum Hauptinhalt springen

Das Spitzenspiel

winterthur. Das Fussballjahr 2012 auf der Schützenwiese wird heute mit einem Höhepunkt abgeschlossen: dem Gastspiel des Leaders aus Aarau beim FCW, dem nach 16 Runden Zweiten der Challenge League.

Der FC Aarau reist als Tabellenerster an und wird auch als Tabellenerster wieder heimfahren. Aber ob er dies mit nur noch einem Punkt Reserve auf den FCW und die AC Bellinzona oder vier Längen vor den Tessinern und gar sieben vor den Winterthurern tun wird – das ist doch ein erheblicher Unterschied. Vor allem für den FCW.

Für die zuletzt wieder viermal in Folge siegreichen Winterthurer ist dieser Match die grosse Chance, den gleichsam ultimativen Beweis zu liefern, eine Spitzenmannschaft zu sein, die auch im Frühjahr ganz vorne mitspielen kann. Verlieren sie, werden sie am Ende eines insgesamt gelungenen Jahres 2012 damit leben müssen, es reiche ihnen wohl doch nicht dafür.

FCW – FC Aarau ist ja nicht nur das absolute Spitzenspiel der Saison, es ist auch das Duell der beiden punktbesten Challenge-League-Mannschaften des Jahres 2012. Bisher holten die Aargauer, dank ihrem Plus im Herbst, in 31 Meisterschaftsspielen in diesem Jahr 65 Punkte; der FCW, der im Frühjahr leicht besser gewesen war, hat 63 auf dem Konto, kann also in dieser Wertung auf Platz 1 vorrücken. Nummer 3 ist die AC Bellinzona mit 64 Punkten aus allerdings bereits 32 Matches.

Der 2. Mai 1981

Doch zu einem Spiel FCW – Aarau gehört auch der Blick auf die doch ziemlich spezielle Geschichte dieses Duells, und die ist für den FCW sehr düster. Auf über 31 Jahre, auf den 2. Mai 1981, einen regnerischen Samstagnachmittag, geht nämlich der bis heute letzte Erfolg des FCW in einem Pflichtspiel gegen die Aarauer zurück. Nur 1000 Zuschauer waren damals auf der Schützenwiese, als der Mittelfeldklub FCW den Aufstiegskandidaten Aarau um die Eigengewächse Rolf Osterwalder und Roger Hegi sowie den nachmaligen FCW-Skorer Hans Franz empfing. Trotz eines frühen 0:1 setzten sich die Winterthurer dank einer Doublette Reto Verganis (30. und 50.) und einer Dreingabe Luigi Stomeos (67.) mit 3:1 durch. Es war die letzte Niederlage der Aargauer in jener Saison; fünf Runden später waren sie mit Trainer Paul Stehrenberger Aufsteiger in die Nationalliga A. Der sollten sie dann 29 Jahre lang ununterbrochen angehören.

Weil der FCW in all diesen Jahren grossmehrheitlich in der Nationalliga B (oder der Challenge League) auftrat, waren die Direktbegegnungen nicht mehr sehr häufig. Aber zu 19 Spielen in der Nationalliga A, später der Auf-/Abstiegsrunde, im Cup oder seit 2010 in der Challenge League trafen sich die beiden Klubs doch. Die Bilanz: 18 Siege für Aarau, ein Unentschieden! Denn seit die Aarauer wieder gleichklassig sind, setzten sie ihre positive Serie mit fünf Siegen in fünf Spielen locker fort; viermal mit einem 1:0 oder 2:1, im August mit einem 3:1 auf dem Brügglifeld, wo der FCW sage und schreibe seit 45 Jahren auf einen Sieg wartet.

Der «Final des Jahres»

Aus Winterthurer Sicht sind derlei Zahlen zwingend aufzubessern. Trainer Boro Kuzmanovic mag dar­auf zwar nicht eingehen, aber er sieht den Anlass – eben mit Blick auf die Ziffern 2012 – als «Final des Jahres». Und er sagt: «Stimmung und Trainingsleistung entsprechen einer Mannschaft, die zuletzt viermal gewonnen hat.» Die auch wieder in Bestbesetzung antreten kann, denn Patrick Bengondo hat seine Sperre abgesessen. Erstmals seit den ersten drei Runden kann Kuzmanovic heute aufstellen, wen er will.

Die Aarauer wiederum haben 16 Meisterschaftsrunden hinter sich, die zwischendurch – mit neun Siegen und einem Unentschieden in drei Monaten – bei manchen den Eindruck erweckten, als könne der Aufsteiger nur FC Aarau heissen. Trainer René Weiler, ein Winterthurer, teilte diese Meinung nie und fühlt sich jetzt bestätigt, da seine Mannschaft mit den Niederlagen gegen Biel (1:5) und Bellinzona (0:1) in zwei Runden sechs Punkte ihrer Reserve auf den FCW wieder verlor. Der Zeitpunkt der Niederlagen, sagt Weiler, sei zufällig. Das Spiel in Biel lief stark für den Gegner, jenes gegen Bellinzona wurde durch einen Glücksschuss entschieden.

Anderseits hätte, weiss auch der Trainer vom Brügglifeld, von den gewonnenen Matches der eine oder andere mit einer Niederlage enden können. «Gegen Chiasso, Wohlen und Wil schossen wir die entscheidenden Tore in den letzten zehn Minuten», liefert Weiler als Beispiele. Und: «Fast alle Spiele standen auf des Messers Schneide.» Was ja auch nicht überrasche in einer mit ihren nur zehn Teams so ausgeglichenen Liga.

Auch Weiler kann heute aufbieten, was sein Kader hergibt – mit Ausnahme des Langzeit-Verletzten Remo Staubli. Es kommen also mit dem Trainer zwei weitere Winterthurer auf die «Schützi», die Seemer Davide Callà und Sandro Foschini. Callà, mittlerweile 28, erhielt in Aarau die Chance, seine Karriere neu zu lancieren, nachdem er nach jahrelangen Verletzungsproblemen von den Grasshoppers keinen neuen Vertrag erhalten hatte.

Die Chance für Callà

Weiler, einst schon in St. Gallen sein Chef, gab ihm zuerst die Gelegenheit, sich auf dem Brügglifeld fit zu halten. Die Vorgabe lautete: «Wenn ein Angebot von oben kommt, soll er es annehmen,» sagt Weiler, «sonst kann er bleiben.» Das Angebot kam nicht, Callà blieb und spielte bisher eine Saison, die ihn neben Sven Lüscher vom FCW zum besten Skorer der Liga machte: Callà schoss sieben Tore und lieferte achtmal den abschliessenden Pass; Lüscher steht seit seinem grossen Auftritt mit je zwei Toren und Assists gegen den FC Biel knapp besser da, mit sieben Toren und neun letzten Pässen.

Einen seiner 15 «Punkte» sammelte Callà im Hinspiel, als er kurz vor der Pause eine erhebliche Unsicherheit in der FCW-Abwehr aus spitzem Winkel zum 2:1 nutzte. Der ehemalige Phönix-Junior Foschini liess kurz vor Schluss das 3:1 folgen, an einem «Seemer» Tag, denn der Winterthurer Schütze des 1:0 hiess Patrik Schuler, Seemer auch er.

Klar ist: Für die Aarauer ist das Spiel heute die Gelegenheit, den FCW zurückzubinden – sicher noch nicht entscheidend, aber ein markantes Signal wäre es doch. Für den FCW aber geht es eben darum, sich und der Fussballschweiz zu zeigen, dass er in dieser Saison tatsächlich auf Dauer sein kann, was er sein will: ein Spitzenteam. Und mit diesem Wissen liesse sich das Frühjahr ganz anders planen. (hjs)

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch