Zum Hauptinhalt springen

Das Tessin zwischen Hoffen und Bangen

Bellinzona. Von einer Annahme der Mindestlohnin­itia­ti­ve wäre das Tessin als Tieflohnregion in besonderer Weise betroffen. Entsprechend kontrovers läuft die Debatte.

Für das Tessin hätte eine Annahme der gewerkschaftlichen Mindestlohnin­itia­ti­ve weitreichende Konsequenzen. Das ist unbestritten. Denn der Südkanton ist als Tieflohnregion bekannt. Die Lohnstrukturerhebung des Bundes zeigt, dass in keinem anderen Kanton der Anteil an Tieflohnarbeitern höher ist als im Tessin. Der Medianlohn ist der tiefste der ganzen Schweiz. Gemäss Statistik erreichte er für alle Branchen und Beschäftigten im Tessin 5076 Franken (Stand 2010), so tief wie in keiner anderen Region der Schweiz. In Zürich betrug der Medianlohn im gleichen Jahr 6349 Franken, landesweit 5979 Franken. In der Kategorie «Einfache und repetitive Tätigkeiten» lag der Tessiner Medianlohn sogar knapp unter den in der Mindestlohnin­itia­ti­ve geforderten 4000 Franken. Der Medianlohn bedeutet, dass die Hälfte der Beschäftigten weniger und die andere Hälfte mehr verdient.

Gemäss einer Lohnerhebung des Tessiner Statistikamtes beziehen 48 000 Beschäftigte einen Monatslohn von weniger als 4000 Franken. «Das entspricht rund einem Viertel aller Erwerbstätigen», rechnet die Tessiner Finanz- und Wirtschaftsdirektorin Laura Sadis (FDP) vor. Sie bringt Verständnis für den Vorschlag der Gewerkschaften auf, denn mit einem Einkommen von 4000 Franken pro Monat liessen sich immer noch keine grossen Sprünge machen. Aber zugleich verhehlt sie nicht ihre Sorge, dass eine Einführung dieser neuen Mindestlöhne für einige Wirtschaftszweige im Tessin schwer verkraftbar sei. Sie fände es besser, wenn die Festlegung von Mindestlöhnen differenziert nach Branchen und Regionen erfolgen würde. Gerade in Grenznähe sind viele Betriebe dank Tieflöhnen entstanden. Dort arbeiten vor allem Grenzgänger. Und Grenzgänger akzeptieren auch Löhne unter 3000 Franken – davon lässt sich in Italien gut leben. Die im Südtessin angesiedelte Unterwäschefirma Zimmerli hat bereits damit gedroht, dass sie bei einer Annahme der In­itia­ti­ve die Produktion ins Ausland verlagern müsse.

Firmen drohen mit Wegzug

Manche prophezeien, dass das ganze Mendrisiotto zum Stillstand kommen werde, wenn der gesetzliche Mindestlohn von 22 Franken eingeführt wird. Der Aargauer SVP-Nationalrat und Speditionsunternehmer Ulrich Giezendanner hat angekündigt, dass er im Falle einer Annahme seine Niederlassung vom Grenzort Stabio nach Italien verlegen wolle. Denn er zahle seinen Grenzgängern italienische Löhne. Und in der Hotelbranche ist davon die Rede, allenfalls von Monatssalären auf Bezahlung nach Stunden umzustellen.

Von solchen Drohungen lassen sich die Gewerkschafter nicht einschüchtern. Sie reden von Angstmacherei. «Es ist doch die Frage, welche Zukunft ­Betriebe überhaupt noch haben, deren Existenz auf Tieflöhnen fusst», sagt beispielsweise alt CVP-Nationalrat Meinrado Robbiani, Kantonalsekretär der christlichen Gewerkschaft OCST in Lugano. Die Talfahrt der Textilbranche sei kaum zu bremsen. Er räumt aber ein, dass sich auch die Gewerkschaften angesichts der Abstimmung in einer heiklen Si­tua­tion befänden. Ihnen könne nicht daran gelegen sein, Arbeitsplätze zu vernichten, und sie müssten auch die Interessen der Grenzgänger wahrnehmen. Der Tessiner Unia-Sekretär Enrico Borelli ist hingegen felsenfest überzeugt, dass nur durch die Mindestlöhne die vielen Fälle von Lohndumping im Tessin effizient bekämpft werden können. SP-Kantonalpräsident Saverio Lurati meint: «Auch in der Regierung haben sie jetzt begriffen, dass viele Billiglohnbetriebe nur Verkehr und Umweltbelastung, aber keine echte Wertschöpfung bringen.»

Sympathien für Initiative

In der Tessiner Bevölkerung scheint die Mindestlohnin­itia­ti­ve viele Sympathien zu geniessen. Denn der Lohndruck nimmt zu und die Lebenshaltungs­kosten liegen nicht wesentlich tiefer als in der deutschen Schweiz. Das klare Ja der Tessiner am 9. Februar zur Masseneinwanderungsin­itia­ti­ve der SVP zeigte auf, dass sich diese vor dem Zustrom italienischer Arbeitskräfte schützen wollen. FDP-Nationalrat Giovanni Merlini ist indes überzeugt, dass ein Mindestlohn von 4000 Franken den genau entgegengesetzten Effekt haben könnte: Beschäftigte könnten am Ende nicht mit höheren Löhnen nach Hause gehen, sondern schlicht ohne Job auf der Strasse stehen.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch