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Das Ureigene stiftet Gemeinschaft

Wie viele Sprachen sprechen Sie? Jede Bewerbung gibt dar­über Auskunft: Deutsch: Muttersprache – Französisch: schriftlich gut, mündlich sehr gut – Englisch: mündlich gut, schriftlich mässige Kenntnisse. Und so weiter. Sprach- genies bringen es auf zehn oder mehr Sprachen, die sie beherrschen, wie man sagt. Ich gehöre nicht zu ihnen. Fremdsprachenblindheit hat das einmal der Schriftsteller Alfred Döblin genannt. Er leide unter Fremdsprachenblindheit. So ein Satz tut gut. Er erteilt eine Erlaubnis: so sein zu dürfen, wie man geworden ist. Fremdsprachenblind eben. Vom Boden der eigenen Sprache nie so richtig fortgekommen. Fremdsprachenblindheit. Der Begriff ist zu einem meiner Worte geworden.

«… denn jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden …» So steht es im Pfingstbericht aus der Apostelgeschichte. Aus aller Herren Länder und aller Mütter Sprachen waren sie beisammen, als sich Verstehen und Verstandenwerden ereignete. Es ist die Geburtsstunde der Kirche, der Gemeinschaft der Glaubenden. Diese Gemeinschaft entsteht dort, wo jede und jeder auf ihr und sein Eigenstes trifft, wo Menschen mit ihrer innersten, unverwechselbaren Identität in Berührung kommen.

Das, was uns unterscheidet, führt uns auch zusammen! So liesse sich der Pfingstbericht überschreiben. Es mag daher wenig erstaunen, dass es nach dieser sonderbaren «Geburt» in Jerusalem gerade die multiethnischen, multikulturellen und multireligiösen Metropolen Kleinasiens waren, in denen das junge Christentum seine Kindheit und Jugend verbracht hat: Thessaloniki, Kolossä, Ephesus, Philippi, Korinth. Da sind wir ja in Europa mittlerweile wieder angekommen: in einer kulturell, ethnisch und religiös weitverzweigten Gesellschaft!

Was wir als Einzelne und als Glaubensgemeinschaften nicht versäumen sollten, ist dies: in der sorgfältigen Zuwendung zu unseren Überlieferungen, im wiederholten Durchbuchstabieren der Texte unserer Herkunft hellhörig zu bleiben für das neue Wort, den klärenden Satz, der Menschen heute aufhorchen lässt, weil er sie zur eigenen Identität ermächtigt. Pfingstliche Gemeinschaft ist dort, wo Menschen ganz zu sich, wo wir ganz zu uns finden und – deshalb – zueinander. Diese Sprache kommt in Bewerbungen nicht vor. Sie beherrschen wir nicht. Sie trifft uns als Ruf in die Souveränität des göttlichen Geistes. Wenn Pfingsten wiederkehrt: «… denn jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden …»

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