Winterthur

Das Vergnügen an der angehaltenen Zeit

Das Fotomuseum Winterthur feiert seinen 25. Geburtstag. Die Sammlung umfasst heute rund achttausend Objekte von 1960 bis zur Gegenwart. Eine Auswahl daraus ist nun zu sehen.

Die Fotografie versucht das Lebendige festzuhalten, was ein Widerspruch in sich ist. Auf diesen Gedanken kann man kommen beim Betrachten der Aufnahmen, die Roni Horn von der Themse gemacht hat.

Ihre Bilder hängen an der linken Seitenwand in der grossen Halle («Some Thames», 2000). Auf der Stirnseite der Halle sehen wir eine andere Oberfläche: grossformatige Nahaufnahmen von weiblicher Haut aus der Familie der Fotografin Diana Tamane («Typology of Touch», 2015).

Sie geht damit viel näher an das Objekt heran, als es ohne Kamera möglich wäre. Auch diesen Blick gäbe es ohne die Fotografie nicht. Das gilt letztlich für alle Aufnahmen: Sie reissen aus dem Fluss der Bilder eines heraus, isolieren es, damit wir es in Ruhe betrachten können. Sie machen etwas Unmögliches, sie halten die Zeit an, damit wir uns frei darin bewegen können.

Geschichten, Kontraste

Jede Fotografie ist gewissermassen eine Fiktion. Es tut gut, daran zu denken, gerade angesichts der Aufnahmen, die wir heute jeden Tag machen. Die sehr vielseitige neue Ausstellung im Fotomuseum zeigt, was Fotografie alles kann, sie regt zum Nachdenken an und ist ein Vergnügen für die Sinne.

Die Auswahl trafen 25 Personen, die dem Museum seit dem Start 1993 verbunden sind. Weitere 25 Werke wurden von der Direktorin Nadine Wietlisbach ausgewählt. Damit ergibt sich auch ein – natürlich selektiver – Rückblick auf 25 Jahre Ausstellungsgeschichte.

«Mit der Jedermann Collection  konnten wir eine essenzielle Korrektur vornehmen.»

Thomas Seelig,
Kurator von 2003 bis 2018

Grösser könnte der Kontrast nicht sein als zwischen Bruno Serralongues Reportage von der Räumung des Flüchtlingslagers 2016 in Calais und den Reflexionen des Konzeptkünstlers Daniele Buetti über inszenierte Schönheit («What about Memories», 2001-2002). Hier stehen sie nebeneinander, zwei Versuche, Phänomene unserer Zeit zu verstehen, sie von einer anderen Seite zu zeigen, ihre Vielseitigkeit aufzudecken. Sie verweisen auf die Vieldeutigkeit der Wirklichkeit. Die Fotografie kann, was atemlose Schlagzeilen nicht können.

Zwischen Kunst und Dokumentation bewegen sich auch die Aufnahmen, die Nicolas Faure 1997 im Auftrag des Bundesamtes für Strassen von der Autobahn machte («Von einer Schweiz zur anderen»). Sie sind hier so gehängt, dass man meint, in die Bilder und also in die Strassen und Plätze hineingehen zu können.

Von 1960 bis zur Gegenwart

Zu sehen sind in dieser Schau unter anderem auch Werke von Valie Export, Walter Pfeiffer, Boris Mikhailov und Nan Goldin. Sie weisen stets über sich hinaus auf einen Moment in der Geschichte des Museums. Eröffnet wurde es Ende Januar 1993 mit der Reportage-Serie «New Europe» von Paul Graham, die in der Ausstellung ebenfalls vertreten ist.

Wenn möglich werde von jeder Ausstellung und auch von den übrigen Veranstaltungen ein Werk in die Sammlung aufgenommen, sagt Direktorin Wietlisbach. Die Sammlung repräsentiert somit die Geschichte des Museums; sie umfasst heute rund achttausend Objekte von 1960 bis zur Gegenwart. Grundsätzlich sind es Abzüge, bei neueren Werken auch die digitalen Daten. Sie lagern im Depot, das gemeinsam mit der Fotostiftung Schweiz betrieben wird, und werden auf Anfrage an andere Museen ausgeliehen. Im Unterschied zur benachbarten Fotostiftung versteht sich die Sammlung des Fotomuseums nicht als Archiv, sie hat nicht den Anspruch, die Geschichte der Fotografie abzudecken.

Thomas Seelig, der von 2003 bis 2018 für das Fotomuseum als Kurator und zuletzt als Direktor ad interim tätig war, wünscht der Sammlung in der Begleitpublikation zum Jubiläum ein Budget, mit dem sie sich erweitern liesse. Einen grossen Schritt habe sie 2007 mit dem Ankauf der Jedermann Collection gemacht, sagt Seelig. Deren Schwerpunkt liegt bei der konzeptionellen Fotografie der 1960er und 1970er Jahre und enthält unter anderem Werke von John Baldessari, Bernd und Hilla Becher und Sol LeWitt.

Die digitale Wende

Mit der Digitalisierung hat sich die Fotografie in den vergangenen 25 Jahren stark verändert. Er fotografiere «wie Millionen Menschen auf dieser Welt», schrieb Gründungsdirektor Urs Stahel 1993 in der «Schweizer Woche»: «Ich knipse auf meinen Reisen mit einer Autofokuskamera.» Nadine Wietlisbach «knipst» nicht mehr, sie tippt auf die virtuelle Taste ihres Smartphones.

Aus der Digitalisierung ergeben sich neue Fragestellungen, ihnen will Wietlisbach verstärkt nachgehen, wie sie im Frühling in einem Interview mit dieser Zeitung sagte. Auch die seit einem Monat laufende Ausstellung «Situations/Lab» beschäftigt sich damit. Die Gründung des Museums geht auf das Engagement zweier Kunst-Enthusiasten zurück, des Zürcher Verlegers Walter Keller (1953-2014) vom Scalo-Verlag, und des Winterthurer Filmproduzenten George Reinhart (1942-1997), eines Neffen des Kunstsammlers Oskar Reinhart; Reinhart finanzierte den Umbau, das Bistro George erinnert heute an ihn. Der Kanton Zürich, die Stadt Winterthur unterstützen das Museum seit der Gründung.

In Sachen Fotografie sei die Schweiz noch «ein Entwicklungsland», befand Stahel 1993. Grössere Institutionen gab es nur zwei: Das 1985 gegründete Musée de L’Elysée in Lausanne mit einer Sammlung, die bis in die Anfänge der Fotografie zurückreicht und heute über hunderttausend Fotografien umfasst, und die Schweizerische Stiftung für Photographie in Zürich. Letztere zog 2003 nach Winterthur, das Fotomuseum verdoppelte gleichzeitig seine Ausstellungsfläche: Die Fotostiftung Schweiz, wie sie heute heisst, bildet seither mit dem Fotomuseum das Fotozentrum.

Wurde das Ziel einer europaweiten Ausstrahlung erreicht? «Wir haben Fans in Indien, New York und vielen europäischen Städten», sagt Wietlisbach. Mit 2,4 Stellen war das Museum anfangs besetzt, heute arbeiten hier vierzig Leute, viele in Teilzeitanstellung, zwölf gehörenzum Kernteam: «Die Ansprüche, die an Museen gestellt werden, sind seit den Anfängen stark gestiegen», sagt Wietlisbach. Das Museum wäre nicht zustande gekommen ohne den Verein Fotomuseum, dessen Mitglieder es bis heute unterstützen. Verwaltet wird es von einer Stiftung.

Bis 10. Februar 2019, Fotomuseum Winterthur, Grüzenstrasse 44. Geburtstagsparty am 3. November ab 17 Uhr (Eintritt frei). (Der Landbote)

Erstellt: 19.10.2018, 16:34 Uhr

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