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Den Auftrag nach 60 Jahren verloren

Eine lokale Gärtnerei verliert nach 60 Jahren den Auftrag für die Friedhofsarbeiten. Das sorgt für empörte Reaktionen in Turbenthal, die Rede ist von Machtspielen. Dabei ist es erst so weit gekommen, weil die Behörden alles richtig machen wollten.

«Wir wohnen doch im Tösstal und nicht in Sizilien», schreibt Hansruedi Stahel in einem offenen Brief an den Gemeindepräsidenten. «So geht man nicht mit Mitmenschen um.» Wie andere Turbenthaler regt sich Stahel über die Gemeinde auf: Sie hat den Auftrag zur Bewirtschaftung der beiden Friedhöfe neu vergeben, und das nicht mehr an die Gärtnerei Kägi – nach ganzen 60 Jahren, in denen sie die Friedhöfe zu aller Zufriedenheit hegte und pflegte.Seither haben diverse Einwohner in Leserbriefen ihre Entrüstung kundgetan. Diese beruht nicht nur darauf, dass die zuverlässige Gärtnerei vom Turbenthaler Weiler Schmidrüti nicht bevorzugt wurde. Kritisiert wird ebenso, auf welche Art es zum Entscheid kam.

Offerte in elf Tagen

Es ging schnell – zu schnell für die Gärtnerei Kägi: Am 17. November des vergangenen Jahres wird sie überraschend informiert, dass die Gemeinde den Friedhofsauftrag neu ausschreiben wird. Die Gärtnerei Kägi könne wie zwei Mitbewerber an der Submission teilnehmen, heisst es im Schreiben. Frist: 2.?Dezember 2013. Die Gärtnerei hat elf Werktage Zeit.In der Folge lädt Ursula Kägi die Unterlagen von der Webseite der Gemeinde Turbenthal herunter. Ursula Kägi führt die Blumengärtnerei, während ihr Bruder Hanspeter als Landschaftsgärtner tätig ist. Es ist kurz vor dem 1. Advent und sowieso schon eine hektische Zeit im Blumengeschäft. Die Devisierungstexte beanspruchen Kägi. Sie fragt Kollegen um Rat, übernimmt empfohlene Werte und rechnet damit, die Offerte nach der Eingabe mit der Gemeinde besprechen zu können. Wie sie erst später erfährt, hat sie die Kosten für die Grabbepflanzungen zu hoch berechnet. Doch da ist es schon zu spät: Kurz vor Weihnachten, am 20. Dezember, erhält Hans­peter Kägi eine Antwort von der Gemeinde. Der Auftrag sei einem anderen Unternehmen erteilt worden. Ursula Kägi ist enttäuscht: «Man kennt sich ja hier. Wir sind mit den Behörden per Du», sagt Ursula Kägi. «Dass man dann nach so langer Zeit kurzfristig und ohne Absprache die Kündigung erhält?… Es ist nicht gerecht abgelaufen.» Nicht gerecht, aber rechtens: Ein eingereichter Rekurs verpuffte laut Kägi ohne Wirkung.

Vorsteherin räumt Fehler ein

Das machte in Turbenthal bald die Runde. Nach dem ersten Leserbrief im «Tössthaler» brach der Damm, es folgten etliche geharnischte Protestschreiben. Im Zen­trum der Vorwürfe: Gesundheitsvorsteherin Erna Brüngger. Machtspiele werden ihr vorgeworfen, Filz und Vorteilsannahme in den Behörden vermutet.Damit konfrontiert, sagt Brüngger, sie habe zwar Verständnis für die Solidarität aus der Bevölkerung. «Aber diese Diskussion ist nicht mehr sachlich geführt worden.» Es war eigentlich die Pflicht zur Transparenz, die erst zu Mauscheleivorwürfen führte: Aufgrund der Einführung der aktuellen Friedhof­ordnung war die Gemeinde 2010 erstmals verpflichtet gewesen, die Friedhofsarbeiten auszuschreiben. Jenen Zuschlag erhielt noch die Gärtnerei Kägi. Der Vertrag wurde auf zwei Jahre befristet. Doch damit hätte der Auftrag eigentlich bereits 2012 neu ausgeschrieben werden müssen. «Das haben wir versäumt», räumt Brüngger ein. Hat sie das Verfahren also deshalb knapp terminiert? «Wir sind uns bewusst, dass die Frist eher kurz war. Aber wir waren der Meinung, dass sie im Bereich des Machbaren lag.»

Berater kennt gewählte Firma

Das Submissionsverfahren sei korrekt ausgeführt worden, beteuert Brüngger. Gerüchte, wonach die Firma Ernst Spalinger AG den Zuschlag schon vor der Publikation des Ergebnisses erhalten habe, seien nicht zutreffend. Fragen hatte ausserdem aufgeworfen, dass ausgerechnet die Gartenbaufirma von Peter Susewind aus Jona das Submissionsverfahren begleitete. Bis 2004 führte er nämlich die Revisionsstelle bei der Ernst Spalinger AG.Laut Brüngger hat man sich für Susewind entschieden, weil er mit den Turbenthaler Friedhöfen bereits vertraut war. Peter Susewind selbst bestreitet jegliche Einflussnahme auf den Entscheid. Anders als kolportiert habe er das Submissionsverfahren nicht durchgeführt, sondern sei lediglich als Berater der Gemeinde tätig gewesen: «Wir haben die Unterlagen im Auftrag der Gemeinde erstellt und verschickt», sagt Susewind. «Nach der Eingabe habe ich die Offerten überprüft. Die Auswertung erfolgte bei der Gemeinde.»

«Nicht unsere Aufgabe»

Die Wahl sei schliesslich auf die Ernst Spalinger AG gefallen, weil ihre Offerte in allen Kriterien besser abgeschnitten habe, sagt Brüngger. Die Arbeiten kosten neu 100?000 Franken im Jahr. Bisher waren es 80?000 Franken gewesen. Hat es die Behörden denn nicht irritiert, dass die Gärtnerei Kägi – wegen des Berechnungsfehlers – plötzlich massiv mehr verlangte als bisher? «Wir waren erstaunt über das Preisangebot. Die Auswertung der Offerten hat aber ein sehr klares Bild gezeigt. Aufgrund dieser Fakten war keine andere Entscheidung möglich», sagt Brüngger.Ursula Kägi sagt, sie hätte auf Nachfrage die Differenz leicht erklären können. So aber blieb nur die Absage. In zwei Jahren, bei der nächsten Submission, kann sich die Gärtnerei wieder für den Auftrag bewerben. Für Kägi ist das wenig Trost: Wegen des verpassten Auftrags musste sie in ihrer dreiköpfigen Belegschaft einer festangestellten Mitarbeiterin kündigen und eine bereits versprochene Lehrstelle streichen.

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