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Den deutschen Nerv treffen

Mit zwei Siegen gegen Chelsea schuf sich der FCB eine gute Chance, Achtelfinalist in der Champions League zu werden. Die will er auf Schalke nutzen, ein Punkt reicht ihm.

Es ist eine absolute Rarität: Ein Schweizer Verein spielt international gegen einen Bundesligisten und ist nicht Aussenseiter, ja er ist Favorit. Zwar hat der FCB, damals nach dem Coup in Chelsea schon in dieser Rolle, Anfang Oktober das Heimspiel gegen Schalke 04 0:1 verloren. Aber seither verlief die Entwicklung für die Basler deutlich positiver als für die Deutschen. Vor allem aber genügt ihnen heute in Gelsenkirchen schon ein Unentschieden. Auf dem Spiel steht die dritte Qualifikation des FCB für eine zweite Phase der Champions League. 2002/03, bei ihrem Debüt in diesem Kreis noch unter Christian Gross, schaffte er es erstmals; damals kam er in die 2. Gruppenphase. Vor zwei Jahren durfte er dann in den Achtelfinals gegen Bayern München spielen. Gar zum ersten Mal in ihrer Vereinsgeschichte würden es die Basler schaffen, einen deutschen Klub zu eliminieren. Zwar nicht in einer K.-o.-Runde, aber doch in einem Match mit K.-o.-Charakter. Die Lage des Jens Keller Für die Schalker wäre dies in der Tat ein K. o., für ihren Trainer Jens Keller (43) wohl einer, der mit seinem definitiven Scheitern im Verein gleichzusetzen wäre. Er hat, seit er vor einem Jahr vom Junioren- zum Cheftrainer befördert wurde, nie wahre Akzeptanz erfahren. Es wurden stets Misserfolge höher gewichtet als Erfolge, was auch mit der offenbar nicht allseits geschätzten Art Kellers zusammenhängt. Man erinnert sich da, wie er einst beim VfB Stuttgart vom Assistenten zum (vorübergehenden) Nachfolger Christian Gross’ wurde und gegen diesen nachtrat. Dafür wurde er beispielsweise von einem älteren Kollegen wie Armin Veh öffentlich und harsch gerügt. Fakt ist, dass Schalke in der Meisterschaft nach der samstäglichen Niederlage beim direkten Konkurrenten in Mönchengladbach als Sechster bereits sieben Punkte hinter einem Cham- pions-League-Platz herhinkt; dass es vor einer Woche im deutschen Cup gegen Hoffenheim selbst zu Hause ausschied. Und natürlich träfe ein frühes Scheitern in der Champions League gegen Schweizer einen sehr empfindlichen Nerv. Das entspräche dann schon gar nicht dem Selbstverständnis eines deutschen Grossklubs, der überdies dafür bekannt ist, in fast dauernder Un- ruhe zu leben. Natürlich ist Keller anzumerken, wie ihn die ständigen Diskussionen um seine Position nerven. Natürlich muss ihn stören, zu lesen, er habe – eben mit dem Spiel gegen den FCB – nur noch «einen Schuss frei». Und es ist nicht angenehm, wenn bereits über mögliche Nachfolger spekuliert wird, wie zuletzt den langjährigen Bremer Trainer Thomas Schaaf. Aber Keller versucht, dennoch unbeeindruckt zu wirken – wie gestern beim Pressetermin vor dem «Final» gegen den FCB. Er konzentriere sich nur auf dieses Spiel, sagt er; über seine taktischen Dispositionen mag er sich nicht näher auslassen. Seine Hoffnung gilt der Mannschaft, zu der das Verhältnis offensichtlich nicht schlecht ist, an deren Willen nicht zu zweifeln ist, ihn gerade in einem wichtigen Moment wie diesem nicht im Stich zu lassen. Zuletzt allerdings war sie nicht mehr wirklich fähig, dem Trainer in seiner schwierigen Lage Hilfe zu leisten. Sonst hätte sie gegen Hoffenheim nicht schon nach einer halben Stunde und desaströsen Abwehrfehlern hoffnungslos zurückgelegen. Captain Benedikt Höwedes sagte gestern nur, dass die «öffentlichen Diskussionen um den Trainer auch in der Mannschaft Thema sind». Kevin Prince Boateng, der neue Leader in der Offensive, wählt diese rhetorisch gut tönende Variante: «Wir müssen hinten kompakt stehen und dann ausschwärmen wie kleine Wespen – nein, wie blau-weisse Wespen.» Was den Manager Horst Heldt betrifft, werden seine Äusserungen fast täglich danach abgeklopft, ob sie nicht doch allmählich als Abrücken vom Trainer interpretiert werden können. Er sagt einfach mal: «Mit Worst-Case-Szenarien beschäftige ich mich nie im Vorfeld.» Aber es werde «nach dem Nürnberg-Spiel Bilanz gezogen. Die wird es auf jeden Fall geben.» Und: «Diese interne Bewertung wird authentisch und gnadenlos ausfallen. Wir werden uns nicht selbst belügen. Das wäre unser grösster Fehler.» Das «Nürnberg-Spiel» ist in zehn Tagen der letzte Vorrundentermin in der Liga. Es sind also noch drei Spiele bis zu dieser Analyse. Aber man kann sich nicht vorstellen, dass sie für Keller nach einem Misserfolg heute Abend noch positiv ausfallen kann. Die Lage der Basler ist da schon sehr viel positiver, obwohl auch sie nicht ganz unbelastet sind von Trainer-Diskussionen. Sie sind Erster in der Meisterschaft. Sie haben eine sehr reelle Chance in der Champions League; und sollten sie dort doch nicht reüssieren, wäre für sie auch ein Frühjahr in der Europa League keine schlechte Sache. Sie haben im vergangenen Frühjahr gesehen, wie gut es sich auch dort leben lässt. Und die Chance, es gar weit zu bringen, ist auch deutlich grösser. Die schönen Basler Zahlen Aber natürlich geht es heute auch für die Basler um viel Prestige und um viel Geld. 16,4 Millionen Franken an Uefa-Prämien und rund fünf Millionen an Matcheinnahmen haben sie bisher eingenommen. Was heute hinzukommen kann: 1,2 Millionen für einen Sieg oder 600 000 für ein Unentschieden, 4,2 Millionen Prämie für die Achtelfinalqualifikation. Dann auch noch mindestens 2,5 Millionen an Einnahmen aus dem Heimspiel im Frühjahr. So gesehen geht es allein heute also um rund acht Millionen Franken. Auch wenn das Bruttoeinnahmen sind, von denen schliesslich «nur» gut die Hälfte in der Vereinskasse bleibt, ist das sehr viel Geld. Den Anteil aus dem Market-Pool einberechnet, käme der FCB als Achtelfinalist auf rund 32 Millionen Franken Einnahmen. Wie er das erreichen wolle, hat ein durchaus lockerer Murat Yakin gestern auch noch gesagt: «Das Hinspiel wurde durch ein Detail entschieden. Diesmal ist die Ausgangslage anders – und dennoch werden wir nicht auf ein Unentschieden spielen.» Taktieren wollten sie nicht, sagen die Basler. Aber schaut dann doch «nur» ein Remis heraus, werden sie alle glücklich sein.

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