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Den Reichtum im Kargen entdecken

Das Kunstmuseum Winterthur zeigt in einer Retrospektive Zeichnungen des Extremsten unter den Minimalisten. Der Amerikaner Fred Sandback (1943–2003) brauchte Schnüre, einen Raum und Zeichenblätter.

Eine Anekdote erhellt Fred Sandbacks glückliche künstlerische Findung. 1966 gestand der 1943 in Bronxville, New York, geborene Yale-Absolvent ge­gen­über seinem Kollegen, dem Bildhauer George Sugarman, wie unzufrieden er sei mit seinem bisherigen skulpturalen Schaffen, das Industrieteile aufreihte. Sugarman gab dem Jüngeren den sein restliches Künstlerleben prägenden Rat: «Wenn du schon die Schnauze voll hast von all den Teilen, dann zieh doch einfach eine Linie mit einem Schnurknäuel und dann lass es so sein.»

Sandback begriff das Potenzial dieser Idee, in der Donald Judds Definition vom «specific object» als einem ganzheitlichen Ding nachhallt. Mehr als ein Stück Schnur – später Acrylfäden vom Detailhandelsriesen Walmart – brauchte Sandback nicht. Aber wie Judd war auch er überzeugt, dass ein Objekt immer in Bezug zum jeweiligen Raum gesetzt werden muss.

Alles in der Tragtasche

Die Retrospektive im Kunstmuseum Winterthur ist zwar den Zeichnungen gewidmet, zum Auftakt jedoch kann der Besucher selbst die Erfahrung mit realen, im Raum gespannten Fäden machen. Und man erfährt dann im Gang durch die Ausstellung das Verbindende: Ob Zeichenblatt oder Raum, es geht immer um Linien in Bezug auf räumliche Si­tua­tio­nen.

Selbst nach fünfzig Jahren Minimalismus ist das eine Herausforderung für die Wahrnehmung. Noch immer werden Fülle, Körperlichkeit und Volumen erwartet. Nun wird man konfrontiert mit dieser spartanischen Reduktion. Die Ausstellung ist auch ein Exerzitium zum Thema «Less is more» (Weniger ist mehr).

Diese künstlerische, aus der Architektur stammende Haltung faszinierte bereits in den frühen 1970er-Jahren die Zürcher Galeristen Annemarie und Gianfranco Verna. Schon damals erkannten sie die Bedeutung des amerikanischen Minimalismus und spielten eine zentrale Rolle bei dessen Vermittlung in der Schweiz.

Die chronologische Präsentation der Zeichnungen, die auf der einzigartigen Sammlung des Kunstmuseums sowie umfangreichen Leihgaben aus der Schweiz und Deutschland basiert, würdigt diskret ihre Pionierarbeit, und in einem Katalogbeitrag schildert Gianfranco Verna die erste Begegnung mit Sandback, der ein Freund wurde.

1972 kam der Amerikaner erstmals mit einer Tragtasche angereist, worin er seine damals mit Stoff überzogenen schwarzen Gummischnüre eingepackt hatte.

Wichtiger noch ist die Schilderung, wie Sandback den Ausstellungsraum genau studierte und dann seine Schnüre spannte. Als ein Massnehmen an den Gegebenheiten des Raums beschreibt Verna das Vorgehen des Künstlers. «Leere und Gegenwärtigkeit des Eingriffs ergänzten sich vollkommen», erinnert sich Verna, der noch heute beglückt scheint vom Resultat.

Raum und Linie untrennbar

Die Zeichnungen erzählen die gleiche Geschichte wie die Skulpturen im Raum: Mit sparsamsten Mitteln – mit Blei- und Farbstift, mit Tusche und Pastellkreide – betreibt Sandback Erkundungen über die Setzung einer Linie oder mehrere Linien in Relation zum Raum. Er tut dies unablässig bis zum selbst gewählten Tod 2003.

In einem Werkgespräch überraschte Sandback mit der Aussage, dass die Zeichnungen nie direkte Vorbereitung auf eine reale Ausstellung seien. Manchmal seien es mehr Tagträumereien, manchmal realere Vorstellungen. Doch letztlich erweisen sie sich als ein wunderbares Arbeits­instrument, das ermöglicht, verschiedene Varianten in einer gegebenen oder imaginierten räumlichen Si­tua­tion zu erproben. Das reicht von der rasch hingeworfenen Skizze auf kariertem Papier bis zur sorgfältig ausgeführten Zeichnung mit kargsten Reizen. Dabei stützt sich Sandback vielfach auf die isometrische Darstellung. Von schräg oben blickt man in illusionistische Räume.

Auffällig daran ist, wie verschieden Skulptur und Raum dargestellt werden. Manchmal dominieren die farbigen Linien, manchmal ist es die Architektur. Wer sich auf das Schauen einlässt, wird im Kargen plötzlich auch malerischen und atmosphärischen Reichtum entdecken.

Ein blauer Faden

Die Fülle der Exponate zeigt überdies, dass Sandback die Lösungen nicht fixfertig im Kopf hatte. Dar­um musste er auf Hunderten von Blättern Möglichkeiten ausprobieren: Schräge Linien, Parallelen zur Wand oder zum Boden, selbst Eckstücke gibt es. In der Farbskala wählte er Rot, Blau, Gelb, mitunter auch eine bunte Kombination. Doch dann, beim Einrichten, war alles wieder anders. Regelmässig verwarf Sandback seine zeichnerischen Ideen. Nichts stimme mehr, wie er es sich imaginiert hatte, klagte er anlässlich seiner letzten Ausstellung im einsamen texanischen Marfa, wo sich sein Freund Donald Judd mit seinen 100 Aluminiumboxen in zwei ehemaligen Artilleriehallen monumental verewigt hat. Wie bescheiden und dennoch kraftvoll hielt da Sandback in einer alten Armeebaracke mit seinem blauen Faden dagegen. Adrian Mebold

Fred Sandback: Zeichnungen. Kunstmuseum Winterthur, Museumstrasse 52. Bis 27. Juli 2014. Die Ausstellung macht nach Winterthur Station in Bottrop und anschliessend in Wiesbaden.

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