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Der Betrachter als Künstler

Im Kunstmuseum in der Kartause Ittingen kann man nicht nur Kunst betrachten – sondern an ihr teilnehmen.

Sperriger geht es wohl nicht mehr: «Konstellation 6. Begriffe – Räume – Prozesse» lautet der Titel der neuen Ausstellung. Sie stellt die Werke von über dreissig Kunstschaffenden vor, nicht nur im Museum, sondern auch auf dem Weg vom Parkplatz ins Kloster (singender Tannenbaum von Hemauer & Keller) oder im Prioratsgarten, wo man Jenny Holzers Steinbänke mit den Lustmordtexten «besitzen» kann.

Auch wenn der Titel sperrig und etwas abweisend wirkt, die Ausstellung selbst bezieht wie selten eine Kunstausstellung den Betrachter in die Inszenierung und Funktion der Objekte mit ein. Kurz: Man darf Hand anlegen.

Die Ausstellung veranschaulicht aber auch, dass sich das Kunstmuseum seit seiner Eröffnung 1983 in der Kartause Ittingen nicht dar­auf beschränkt hat, regionale Kunst oder Kunst von sogenannten «Aussenseitern» zu sammeln (diese war in «Konstellation 5» Thema). Das Museum stand immer auch den zeitgenössischen Strömungen offen. Die erste Ausstellung im neuen Haus war Roman Signer gewidmet. Heute ist das Museum im Besitz von Werken namhafter Künstler wie Joseph Kosuth, Janet Cardiff, Marina Abramovic, um nur einige zu nennen.

Kunst ist Aufmerksamkeit

Die Herausforderung, die eine solche Sammlung stellt, wird sofort ersichtlich, wenn man die Zellen und Korridore des Museums betritt. Anders als etwa Maler oder Bildhauerinnen arbeiten zeitgenössische Kunstschaffende mit Prozessen, Raumerlebnissen, Konzepten und Ideen. Kein «fertiges» Werk soll entstehen, interessant ist, was passiert. Kunst ist kein Bild, Kunst ist In­teresse, Aufmerksamkeit und Aktivität. Wie schwierig bis widersprüchlich dies sein kann, ist an Paul Talmans Arbeit «Brutus» ersichtlich. Das Publikum kann hälftig goldig, hälftig schwarz gefärbte Kugeln bewegen, die in einem Brett eingelassen sind. Weil eine intensive Bedienung des Kunstwerks – dies gilt auch für die sinnlichen Klangstäbe von Arthur Schneiter – das Werk beschädigt, dürfen die Arbeiten nur unter Aufsicht bedient werden. «Wie macht man Konzepte und Prozesse museal sichtbar?», brachte der Leiter des Museums, Markus Landert, auf einem Rundgang durch das Museum das Problem auf den Punkt. Die In­sti­tu­tion stösst konzeptionell an ihre Grenzen – und der Betrachter kann über seine begrenzte Rolle als Belehrter und Betrachter hinauswachsen und dazu beitragen, dass Kunst zum Leben erwacht. Er wird selber zum Künstler.

Nicht alle Positionen erschliessen sich aus dem, was man sieht, zu einigen Arbeiten ist «Vorarbeit» in Form von Lektüre nötig (Texte im Museum erhältlich). Erst dann erfasst man den Sinn etwa eines internationalen Dorfladens von myvillages.org oder «Shut up and Paint!» von Mark Staff Brandl. Hier ist Kunst tatsächlich etwas «sperrig». Andere Positionen sind offensichtlicher: In der Fotoinstallation von Esther van der Bie steht die Welt kopf und der Betrachter beginnt, selbst ein wenig abzuheben.

www.kunstmuseum.ch

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