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Der Bewegungsmelder

Er zeigt Sondierbohrungen im Alltag: Der Kabarettist Joachim Rittmeyer tritt im Casinotheater mit seinem neuen Soloprogramm «Zwischensaft» auf.

Die Mehrheit der Menschheit macht einen Bogen um alles, was dunkel scheint. Joachim Rittmeyer versetzt zu Anfang seines neuen Programms «Zwischensaft» das Publikum erst einmal ins Black. Dunkel ist es lange auf der Bühne. Dann steht der Kabarettist auf der Bühne im Licht, er hat ein Gerätli in der Hand, das er «Bewegungsmelder» nennt. Drei Antennen schauen aus dem Kasten. Antennen haben eigentlich eher mit Sendung zu tun. Aber das Gerätli funktioniert, wie auch alle anderen Experimente, die Joachim Rittmeyer an diesem Abend mit dem Publikum im Casinotheater macht. Denn es geht hier um lauter vorletzte Sachen: Es ist das Dunkel vor dem Licht, der Auftritt vor dem Abgang und alles, was dazwischen ist. Besonders aber geht es um die Frage: Was macht ein Auto, wenn ihm das Benzin ausgeht, es aber noch nicht zum Stillstand gekommen ist? Stottert es? Bleibt alles still? Und auch für andere grosse Fragen der Menschheit hat Rittmeyer eine Antenne. Oder drei. Aus dieser Welt kommt auch der Bewegungsmelder. Er gehöre jetzt zu den objects passés, sagt Rittmeyer und legt das Gerät auf dem Servierboy zu den anderen Sachen, die schon halb Vergangenheit sind: das Duftbäumchen zum Beispiel. Aus und vorbei. Fröhliche Wissenschaft Das Duftbäumchen auf dem Servierboy bewegt sich aber die ganze Zeit, als zitterten seine Blätter im Wind. Bei Rittmeyer hat vieles, was schon tot scheint, ein zweites Leben. Wie das geht, zeigt der Kabarettist mit den Figuren, die bei seinen Soloauftritten mit ihm auf die Bühne ins Licht heraustreten: Das sind Theo Metzler, der hier seinen Letzten hat, Hanspeter Brauchle, Jovan Nabo. Die drei gehören zum «Interessenkreis für Sondierbohrungen im Alltag», das ist so etwas wie fröhliche Wissenschaft, Abteilung Unterhaltung. Und fürs Protokoll: Für «Zwischensaft» ist ein Neuzugang zu vermelden: Paddy, der junge Mensch aus Bern. Er macht seine Sache gut. Aber da ist noch ein bisschen viel Luft. Aus dem Kapuzenpulli wird er herauswachsen. Geprüft wird nicht weniger als der Zustand der Welt, die um uns ist, und sie hat ihr spezifisches Rittmeyer-Gewicht. Theo Metzler, wie immer «luzid und schräg», ist hier der Ober-Landvermesser: mit Brille, Tweed-Jacke, Einstecktüchli, solidem Schuhwerk, so steht er vor uns auf der Bühne. Man könnte hier alle grossen Fragen aufzählen, die ihn bewegen. Beschränken wir uns auf eine: Ist eine leere Batterie leichter als eine aufgeladene? Metzler führt die Versuchsanlage vor – und gerät ins Erzählen. Wie er mit der Fernbedienung die Batterie leersaugte (es war eine Abstimmung mit Füssen). Wie jetzt sein tausendfacher Senderwechsel beim Fernsehen ankommt (niemand hat da eine Ahnung). TV-Satire real. Mit Batterien kann man überhaupt plus/minus zeigen, was in unserer Zeit noch geht. Batterien in den Abfall werfen ist heute falsch. Früher war das aber noch ganz o. k. Von jedem Gegenstand, gut oder schlecht, macht Rittmeyer ein Tätigkeitswort. So kommt man in entlegene Gebiete – und wieder zurück auf die Welt. Tendenz gegen die Mitte Von dieser Bewegung ist das ganze Programm gezeichnet. Eine Wäschestrasse wird für Hanspeter Brauchle, «die unverwüstlich labile Kraft», zur Grenzerfahrung zwischen Sehnsucht nach Kindheit und wachsender Panik – sehr rührend. Gegen die Mittelwelle tendiert Jovan, der «Slave», wenn er Empfang im fremden Land sucht – auch er ein bewegter Mann. Überhaupt ist bei Rittmeyer in allen Dingen ein Lied. Er singt auch furchtbar schön. Grosser Applaus.

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