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Der Essig und die Liebe

arosa. Die kleine Waldbühne in Arosa ist nicht nur einfach lauschig, da lauscht es sich jetzt gerade sehr schön bei taufrischer, zweihundertjähriger Musik von Johann Simon Mayr, der auch für Essig Werbung machte.

Giovanni Simone Mayr (1763–1845) nannte er sich, nachdem er aus Bayern nach Bergamo ausgewandert war, und unter italienischen Vorzeichen wurde er einer der Komponisten seiner Zeit mit internationalem Renommee. Er war der Lehrer Donizettis und eine wichtige Figur überhaupt als Vermittler der deutschen Klassik an die italienische Oper des 19. Jahrhunderts. Die Wiederaufführung seiner Hauptwerke («Medea in Corintho» etwa) in jüngerer Zeit enthusiasmiert die Melomanen überall mit taufrischem Belcanto und konzertantem Reichtum. Und das geschieht jetzt auch im kleinen Rahmen der Waldbühne Arosa und am Beispiel eines eben ausgegrabenen Einakters: der um 1800 in Venedig uraufgeführten Farsa «Il carretto del venditore d’aceto» (Der Schubkarren des Essighändlers).

Arosas Kultursommer ist vielfältig, und wer hier nach Wandern und Wellness noch Wünsche hat, kann einen gut bestückten Kalender konsultieren. Seit 2001 stehen darin auch Opernproduktionen, gespielt in einer kleinen Anlage unter Bäumen, mit Steinstufen, Musikpavillon und ins Gelände gebauten Podesten als Bühne. Das Publikum ist hier nahe am Geschehen, und kammermusikalisch intim klingen auch Stimmen und Instrumente. Der Herausforderung, die diese Intimität bedeutet, war das kleine Opernteam aus mehrheitlich jungen Schweizer Musikern bestens gewachsen, an diesem feuchten Premierenabend besonders: Mit professioneller Arbeit, mit Wärme und wachem Geist wurde dem drohenden Rückzug des Publikums in die Wolldecken erfolgreich entgegengearbeitet.

Der Bankrott als Glücksfall

Dabei ging es nur um die tausendste Variation des einen Themas. Mit schlanken Tenorstimmen (Daniel Bentz und Christoph Waltle) kämpfen da ein schüchterner junger Mann (Vittore) und ein Mitgiftjäger (Flaminio) um das Herz der Kaufmannstochter respektive das Machtwort ihres Vaters Girardo. Aber Metilde hat auch ihre Stimme, und Katarzyna Rzysmskas inniger und temperamentvoller Sopran gibt ihr unwiderstehlich Gewicht.

Aber das gute Ende kommt anders: durch Girardos Bankrott. Die Pleite macht seine Pläne mit Flaminio zunichte und lässt den ominösen Essighändler ins Spiel eingreifen. Es ist Prospero, Vittores Vater, der jetzt sein Erspartes aus dem Essigfass zaubert, um seinen Sohn mit Metilde glücklich zu sehen. Zwei Väter reichen sich da die Hand, von ungleicher Statur, auch wenn sie von zwei kernigen Baritonstimmen (Christian Büchel und Robert Koller) ebenbürtig repräsentiert sind, der den Launen des Kapitals ausgelieferte Bourgeois und ein souveräner Geist und Wunderdoktor, der den Essig als Heilmittel für alle Übel anpreist – und Essig auch zu Geld zu machen versteht.

«Ein Bankrott macht alle glücklich», lautete der Zusatztitel anlässlich einer Aufführung des «Essighändlers» 1816 in Wien. Auch in München hat um 1820, wie eine gedruckte Inhaltsangabe zeigt, offenbar noch eine Aufführung stattgefunden. Aber nun sind wir im Jahr 2012, und das Stichwort «Bankrott» hat jetzt einen anderen Klang, und so kommen plötzlich Wörter wie Banker, UBS, Optionen und sichere Anleihen ins Libretto. Für die Gegenwartssatire zeigt der Regisseur Michael Lochar in jeder Hinsicht gutes Gespür. Mit überaus witzigen Pointen hat er die Lacher auf seiner Seite, und gleichzeitig wahrt er auch den Respekt vor dem empfindsam-seriösen Geist der Musik – es gelingt sehr schön eine Gratwanderung, sogar mit Einsprengseln aus der Schlagerwelt und besonders köstlich auch mit Glucks Orpheus-Arie als Lamento des Pleitiers.

Dass und wie die Gratwanderung gelingt, hat sehr auch mit dem Feu sacré zu tun, mit dem unter der Leitung von Zoi Tsokanou musiziert wird. Die griechische Pianistin und Dirigentin, die in Zürich zu Hause ist, hat mit Elan und Geschmeidigkeit, mit flüssigen Tempi und perfekt austarierten Übergängen die Aufführung bewundernswert im Griff.

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