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Der etwas andere SVP-Mann

Ernst Stocker ist kein Polteri. Er wäre es wohl auch ohne Exekutivamt nicht. Es ­ verwundert deshalb nicht, dass der bescheiden wirkende SVP-Regierungsrat selbst bei Linken und Grünen viel Ansehen geniesst.

Bald feiert er einen runden ­ Geburtstag. Und das Stimmvolk könnte Volkswirtschaftsdirektor Ernst Stocker dazu ein vorzeitiges Geschenk machen. Denn sollte der Souverän den gebürtigen Wädens­wiler am 12. April in seinem Amt als Regierungsrat bestätigen, so dürfte er acht Tage später seinen 60. Geburtstag wohl erst recht geniessen. «Natürlich würde ich mich über die Wiederwahl freuen», sagt Stocker bei einem Treffen an seinem Arbeitsort in Zürich. Denn es sei ihm «wohl» in seinem Amt. Lange Arbeitstage «Das wichtigste Geschenk ist aber die Gesundheit», betont Stocker. Gibt es denn Probleme? Nein, meint der Magistrat, er fühle sich fit. Aber in diesem sehr «zeitintensiven» Job, in denen 14-Stunden-Arbeitstage keine Seltenheit sind und er deshalb manchmal erst um Mitternacht zu Hause ankomme, habe eine gute Gesundheit einen um so höheren Stellenwert. Zum Arzt geht der diplomierte Meisterlandwirt jedoch nur, wenn ihm seine Frau Chris­tine, eine gelernte Krankenschwester, dazu rate. Um fit zu bleiben, schwimmt Stocker – «so oft als möglich» – im Zürichsee, fährt Ski und Velo. Oder er hilft seinem Sohn auf dem Bauernhof, der sich seit dem 16. Jahrhundert im Familienbesitz befindet. Seine Tochter, die in Zürich als Fachfrau im Finanz- und Rechnungswesen arbeitet, sieht er über Mittag regelmässig. Überhaupt: Ernst Stocker ist ein Familienmensch. Glück bedeutet für ihn «ein Essen im Kreise meiner ganzen Familie». Im Gespräch gibt sich Stocker unprätentiös und bodenständig. Von Standesdünkel keine Spur. Der volkstümliche Volkswirt­schafts­direktor, der seit 2010 im Amt ist, bleibt stets ruhig und sachlich. Sein Humor ist trocken. Hie und da blitzt auch etwas von seiner Bauernschläue auf. Sein spitzbübisches Lächeln und seine teils träfen Sprüche lassen erahnen, weshalb er selbst bei vielen Linken und Grünen auf Wohl­wollen stösst. «Mit Ernst Stocker würde man gerne ein Bier trinken gehen», sagt Esther Guyer, Fraktionschefin der Grünen im Zürcher Kantonsrat. Sie empfindet den SVP-Mann als «sehr geerdet und authentisch». Er sei einer, ­ der sich selber treu bleibe. Was sie vor allem freut, ist die Tatsache, «dass er ein Regierungsrat ist, der auch für den öffentlichen Verkehr einsteht». Andererseits spüre man jedoch gut, dass Stocker noch sehr stark im «dörflich-bäuerlichen Umfeld» verhaftet sei, sagt Guyer. «Er ist bestimmt kein urbaner Typ.» Lob von links und rechts Voll des Lobes über Ernst Stocker ist SP-Kantonsrat Ruedi Lais, Präsident der Kommission für Energie, Verkehr und Umwelt (Kevu). Auch wenn er in vielen politischen Fragen grundsätzlich völlig an­dere Ansichten vertrete als Stocker, sei die Zusammenarbeit mit ihm in der Kommission sehr angenehm. «Ich schätze seine klare Sprache, seine Offenheit und gerade in Verkehrsfragen seinen konsensorientierten Ansatz.» Ganz ähnlich urteilt auch Gabriela Winkler, FDP-Kantonsrätin und Kevu-Mitglied. «Ich erlebe die Zusammenarbeit mit Ernst Stocker als äusserst konstruktiv.» Er sei absolut dossierfest. Zudem habe er sich insbesondere im «sehr anspruchsvollen Flughafendossier» bisher sehr geschickt verhalten. Allerdings hat Stocker gerade im Flughafendossier auch schon eine seiner schmerzlichsten Nieder­lagen einstecken müssen. Vor rund einem Jahr strich der Kantonsrat überraschend die Möglichkeit für Pistenverlängerungen am Flughafen Zürich aus dem Richtplan. Wobei selbst Stockers Parteikollegen in dieser Frage geteilter Meinung waren – je nach Wohn­ort und Lärmbetroffenheit. Auch so manche Strassenprojekte blieben in der vergangenen Legislatur etwas im Stau stecken. Rückschläge gab es beispielsweise beim Projekt zur Schliessung der Lücke der Oberlandautobahn zwischen Oberuster und Hinwil. Als Stocker vor einem Jahr in Wetzikon über den Stand der Dinge orientierte und auf Nachfrage aus dem Publikum antwortete, dass die Autobahnlücke erst in etwa ­ 13 Jahren geschlossen sein werde, erntete er vom Publikum teils höh­nisches Gelächter. Auch bei einem anderen Projekt, der 3. Tunnelröhre am Gubrist, sah es bis vor kurzem zappenduster aus. «Die Mühlen in Bern mahlen halt langsam», sagt Stocker. Doch seit Ende 2014 gibt es Hoffnung. Denn mit der im Dezember präsentierten Vereinbarung zwischen der Volkswirtschaftsdirektion, dem Bundesamt für Strassen und der Gemeinde Weiningen wurde nach etlichen Verzögerungen eine wich­tige Voraussetzung für einen möglichst baldigen Bau der 3. Tunnelröhre sowie für die damit verbundene Siedlungsreparatur im Abschnitt Weiningen geschaffen. Klare Erfolge verbuchte Stocker in den letzten vier Jahren vor ­ allem bei mehreren Abstimmungsvorlagen (u. a. Fabi, Stadelhofen-Initiative und Tram Hard­brücke). Und für sein stetes persönliches Engagement in Bundesbern hinsichtlich der Zürcher Verkehrsprojekte zollen ihm auch seine politischen Gegner immer wieder Anerkennung. «Die Bilateralen sind wichtig» Als eine der grossen Herausforderungen für die kommende Legislatur sieht Stocker – insbeson­dere nach der Aufhebung des Euromindestkurses – die Erhaltung der Konkurrenzfähigkeit der im Kanton Zürich tätigen Unternehmen und die langfristige Klärung des bilateralen Verhältnisses zu Europa. «Die Bilateralen sind für die Schweiz wichtig», sagt Stocker mit Nachdruck – wohl nicht zuletzt mit Blick auf die diesbezüglich uneinheitliche Beurteilung innerhalb seiner eigenen Partei. Ansonsten scheint er aber ein nach wie vor ungebrochen gutes Verhältnis zur SVP zu haben. Doch ein Hardliner und Polteri ist er nicht. «Es entspricht nicht meinem Stil, politisch Andersdenkende runterzumachen», sagt Stocker. Er räumt ein, dass es in der Vergangenheit parteiintern schon zu Diskussionen über Stilfragen gekommen sei. «Ich empfinde es aber als falsch, wenn man solche Auseinandersetzungen in der Öffentlichkeit austrägt.»

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