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Der falsche Mann

A Million Ways to Die in the West»: Seth McFarlane, Komiker, Schauspieler, Sänger, Schöpfer amerikanischer Zeichentrickserien, stellt eine amüsante Parodie auf den guten alten Western vor.

Das Leben an der Westfront der Vereinigten Staaten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war, zahllose Wildwestfilme, Indianer-, Cowboy-, Gangster- und Marlboro-Werbefilme, bezeugen es: wild-abenteuerlich und lagerfeuer-romantisch. Ein Paradies für Lonesome Zorros und Durchgeknallte, the place to be für wortkarge Kerle und taffe Ladys, die jahrelang auf sich alleine gestellt ihre Leben führten und, wenn sie sich ab und an trafen – konkreter: er während seiner monatelangen Ritte durch die weiten Landschaften kurz im Städtchen vorbeikam, in dem sie den Saloon führte oder seine Kinder grosszog –, leidenschaftlich in die Arme fielen. Probleme gab es keine. Die Seele eines Softies Gab es trotzdem welche, so wurden diese nach altem Gesetz, Aug für Auge bzw. Staat gegen Verbrecher mit Fäusten, Pistolen und Gewehren gelöst. Die Höhepunkte dieser Filme waren regelmässig der Showdown, die Massenschlägerei im Saloon, das Duell und/oder die Schiesserei auf dem Dorfplatz, der per definitionem die Hauptstrasse das Städtchens war, das trotzig am Rande der Prärie und – zumindest in den Filmen von John Ford – normalerweise in der unmittelbaren Nähe des Monument Valley lag. Hier befindet sich, man schreibt das Jahr 1882, auch «Old Stomp», das Städtchen, in dem Seth McFarlanes «A Million Ways to Die in the West» spielt. Der Film beginnt mit einem dramatisch toll aufgebrezelten Soundtrack, mit prächtigen Sonnenauf- und -untergangsaufnahmen: Geradewegs hineingeschmissen wird man in diese von Heldenlegenden und Indianermythen durchzogene Wildwestfilmwelt und erwartet ziemlich alles – bloss nicht Albert. Albert (Regisseur McFarlane himself) ist nett, adrett und durchaus sympathisch. Er züchtet Schafe, haust mit seinen alten Eltern auf einem Hof am Rande der Stadt. Er hat ein hübsch grossäugiges Liebchen namens Louise, das gespielt wird von Amanda Seyfried. Das ist alles ganz o. k. und passte eigentlich ganz gut ins Setting – hätte dieser Albert bloss nicht die Seele, das Empfinden, Fühlen und Denken eines Softies, wie sie das frühe 21. Jahrhundert zu Hauf hervorbringt. Alfred hat noch nie einen Colt gezogen, nie jemanden abgemurkst, sich wohl auch noch nie geprügelt. Alfred setzt grundsätzlich auf Kommunikation, ist dementsprechend redegewandt, um nicht zu sagen: eine Quasselstrippe. In Alberts Katalog der Konfliktlösungen stehen Höflichkeit, Dialog und Kompromiss. Was so lange gut geht, bis eines seiner Schafe das Gras von der Wiese eines anderen frisst und Albert zum Duell herausgefordert wird. Doch Duellieren, das will, kann (siehe oben) Albert nicht. Also argumentiert, palavert, witzelt er – und macht sich damit vor der gespannt der Dinge (Schüsse) harrenden Gesellschaft zur Lachnummer. Aus und vorbei ist es nun mit der Liebe von Louise, die sich mit wehenden Röcken in die Arme des Besitzers des trendigen Bart- und Schnauzladens schmeisst. Alberts Kummer ist gross. Er lässt sich trösten von seinem besten Freund, dem sanftmütigen Schuster Edward (Giovanni Ribisi) und dessen Freundin und künftiger Frau, der feurigen Ruth (Sarah Silverman), die im Saloon ihre Hurendienste anbietet. Eigentlich möchte man an dieser Stelle ja liebend gerne ein bisschen über Ribisi und Silverman schreiben, die da, beide so sensationell trockenhumorig und liebevoll, dass man sich zwischendurch in einem Film von Aki Kaurismäki wähnt, das vielleicht schrägste Pärchen aller Wildwestfilmzeiten spielen. Albert nun also bläst den Blues. Betrinkt sich, verkriecht sich auf seinem Hof, wird von Todessehnsucht geplagt, will auf und davon und so lange weg aus diesem Weste(r)n, nach San Francisco, in eine vermeintlich zivilisiertere Welt – bis aus dem Nirgendwo des Monument Valley die bildschöne Anna (Charlize Theron) auftaucht: schiesswütig wie ein Kerl, klug, smart, sexy und lasziv und dazu pazifistisch wie Albert. Albert nun also ist der falsche Mann am falschen Ort im falschen Film; und das ist nun gerade noch einmal falsch: Albert ist selbstverständlich der goldrichtige Protagonist für diese Westernfilmparodie von Seth McFarlane. Tatsächlich funktioniert «A Million Ways to Die in the West» zum grossen Teil nach der einfachen Regel, die besagt, dass das Zusammentreffen einander nicht entsprechender gesellschaftlicher Normen und individueller Verhaltensweisen Komik erzeugt. Ein Kind der heutigen Zeit Und weil McFarlane solche Miss-Allianzen mit grösster Verständlichkeit serviert, er zudem über einen trockenen, bisweilen ins Lakonische kippenden Humor verfügt, ist «A Million Ways» über weite Strecken durchaus bekömmlich und in seinen stärksten Momenten gar fast so köstlich wie eine frühe Woody-Allen-Komödie. Doch McFarlane ist, wie sein Protagonist, ganz ein Kind der heutigen Zeit. Er hat offensichtlich auch alle in der Nachfolge von «There Is Something about Mary» entstandenen, oft und gern und dann doch zu explizit unter die Gürtellinie zielenden US-Komödien gesehen – was man «A Million Ways» ansieht und nicht immer erträglich ist. Doch Humor ist immer auch Geschmackssache, und: ehrlich gesagt ist «A Million Ways to Die in the West» – die titelgebenden Todesarten notabene funktionieren als Running Gag – das seit langem Amüsanteste, was es im Kino zurzeit gibt. A Million Ways to Die in the West Ab Donnerstag in den Kinos

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