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Der fast perfekte Dieb und­ der verführte Schwager

Winterthur sah sich im 19. Jahrhundert einer ­ unheimlichen Einbruchserie ausgesetzt. Die beiden Diebe – ­ von denen einer als Wachtmeister eigentlich für Sicherheit hätte sorgen sollen – gingen in die Kriminalgeschichte ein.

Samstag, 28. Februar 1839: Jakob und sein Schwager Heinrich ­gehen während der Dämmerung unauffällig durch die Gassen Winterthurs zum Neumarkt. Ihr Ziel ist das Spital, genauer der Hin­terhof des Spitals. Als sie dort ankom­men, nimmt Jakob einen grossen Schlüssel hervor und öffnet das Schloss der Hintertüre. Die beiden Diebe wissen genau, wo sie hin wollen. Sie waren schon dreimal hier, aber immer wurden sie beim Einbruch gestört oder die Kasse war praktisch leer. ­ Nun, beim vierten Mal, soll es end­lich klap­pen. In einem Gewölbe räumen sie die mit Geld gefüllten Schubladen aus und lassen auch wertvolle Silberwaren in einem Sack mitgehen. Mit etwas Glück können sie dem Spitalchef aus dem Weg gehen und davonschleichen. Das Geld verstecken sie hinter dem Pfarrstuhl in der Stadtkirche, da Jakob oft den Messedienst innehatte. Es ist das perfekte Verbrechen. Der pflichtbewusste ­ Stadtwachtmeister Jakob Bernhard Stoll war damals längst ein Profieinbrecher, hatte er doch schon die Ersparniskasse der Hülfsgesellschaft sowie verschiedene Läden und Händler ausgeraubt. Vier Jahre zuvor ­hatte er seine beeindruckende Einbruchserie begonnen, welche die Winterthurer verängstigte und ratlos machte. Wie konnte das alles passieren? Wer war dieser Stoll? Der Erfolg seiner Einbruchserie fusste auf einem umfassenden Wissen über Schlösser und die Nachtwache. Der frühere Schlosser Stoll verdiente seinen ehrlichen Lohn nämlich als Wachtmeister der Winterthurer Stadtwache. Dabei zeigte er sich vordergründig durch­aus besorgt um die Sicherheit der Stadt und ihrer Bürger. So schrieb er zusammen mit dem zweiten Wachtmeister Hirzel im Jahre 1833 an den Stadtrat, man möge den Bürgerwachtdienst professionalisieren, da die unwilligen und untauglichen Bürger ihre Aufgabe schlecht machen würden. Die beiden Wachtmeister ärgerten sich über das feh­lende Pflichtbewusstsein der Bürgerwachen: «Schwatzend und mit einer Gleichgültigkeit spazierten sie durch die Gassen und glaubten damit ihren Dienst und die Pflicht erfüllt zu haben.» Der Stadtrat reagierte und stellte pro Nacht sechs weitere bezahlte Wachen zur Verfügung. Stoll zeigte hingegen mit seiner Einbruchserie bis 1843 eindrücklich, dass die Sicherheit ungenügend war. Ab 1840 wurde denn die Nachtwache noch einmal verdoppelt – doch es nützte nichts, da der Dieb zur derselbigen gehörte. Jakob Stoll und Heinrich Pfeiffer erbeuteten in sieben Jahren insgesamt 4783 Franken. Für diese Summe hätte ein normaler Arbeiter damals über acht Jahre hinweg jeden Tag zehn Stunden arbeiten müssen – Stoll und sein Schwager brauchten ­dafür hingegen nur ein paar nächtliche Stunden. Der verführte ­ Diebesgehilfe Erst im Mai 1843 nach einem Einbruch in den Lebensmittelladen des Herrn Näf konnten Stoll und Pfeiffer geschnappt und vor Gericht gestellt werden. Der Verhörrichter war auf Stoll aufmerksam geworden, da er die Schlösser für den Laden von Herrn Näf geliefert hatte. Stoll bestritt ­seine Taten vor dem Zürcher Kriminalgericht nicht, sondern gestand und erhoffte sich Strafmilderung. Sein Schwager hingegen versuchte, sich aus der Affäre zu winden. So gab er zu Protokoll: Stoll habe ihn «immer zu Dieb­stälen verführen wollen». Zum Einbruch im Spital notierte der Gerichtsschreiber: «Pfeiffer sei auch dieses Diebstals geständig, wolle aber auch hier nur der Verführte gewesen sein, ob er selbst Geld eingesteckt oder nur dem Dieb gehulfen, wisse er nicht mehr.» In der Tat konnte Pfeif­fer das Gericht überzeugen. Stoll wurde zu einer zwölfjährigen Kettenstrafe, Pfeiffer lediglich zu sechs Jahren Haft verurteilt. Der Fall Stoll geht als einer der grössten Verbrechen in die Geschichte Winterthurs im 19. Jahrhundert ein. Bemerkenswerterweise dauerte es nach der Verurteilung der beiden Einbrecher nochmals 23 Jahre bis zur Gründung des ersten professionellen Polizeikorps durch die Gemeindeversammlung. Simon Banholzer Der Fall Jakob Bernhard Stoll ist einer von zahlreichen Kriminalfällen, welche der Verein «Kehrseite Winterthur» in seiner Führung «Räuber und Gendarme» aufgreift. Auf dem zweistündigen Rundgang in Winterthur werden 400 Jahre Verbrechen und Verbrechens­bekämpfung behandelt. Die Route führt zu Tatorten, Gefängnissen, Gerichten und geht stets auch den gesellschaftlichen, wirtschaft­lichen und politischen Hintergründen der Verbrechen auf die Spur. Bereits erschienen sind an dieser Stelle der Fall Barbara Graf («Landbote» vom 29. Juli) sowie der Fall Augustin Meyer («Land­bote» vom 21. Juli). Weitere Infos zur Führung unter: www.kehr­seite-winterthur.ch.

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