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Der gebügelte Elfer

Back to the roots: Porsche besinnt sich beim 911 Targa auf die Anfänge: Das lieblose Glasschiebedach ist Geschichte, stattdessen hat der halb offene, halb geschlossene Elfer wieder einen fixierten Überrollbügel – und dazu eine ausgeklügelte Dachautomatik.

Er ist ein Fall für Panaschtrinker, der Targa. Porsche baut dieses Zwischending aus Cabrio und Coupé heute als einen modernen Klassiker, eine Ikone der Marke mit eigener Geschichte (siehe Kasten). Einst enorm populär, hat der Targa sukzessive an Bedeutung eingebüsst, seit 1980 das erste 911-Cabrio debütierte. Das war ein Stück weit nicht zu vermeiden, ein Stück weit aber auch die Folge einer Vernachlässigung. In den letzten drei Generationen verkam der Targa zu einem Elfer mit Glasschiebedach, mit durchlaufenden Dachholmen – halb gar statt halb offen und ganz schön langweilig.

Mit der siebten Generation bringt Porsche die Targa-Welt jetzt wieder in Ordnung. Stoffverdeck, silberner Überrollbügel (inklusive Kiemen und Schriftzug) und eine grosse gewölbte Heckscheibe: Der Targa kehrt zu seinen Wurzeln zurück. Wenn auch nicht, ohne gleichzeitig im 21. Jahrhundert zu verbleiben. War die Konstruktion des Urahns mit dem von Hand herausnehmbaren Dachteil noch denkbar einfach, muss heute alles automatisch gehen. Das heisst nichts anderes, als dass das bewegliche Stoffverdeck am starren Überrollbügel vorbeigeführt und unter der Heckscheibe verstaut werden muss. Das ist Dach-Origami für Fortgeschrittene! Erst kippt die Heckscheibe nach hinten (wenn da mindestens 40 Zentimeter Platz sind), dann klappen die Eckstücke des Bügels nach innen weg, das Dach schwenkt ins Heck und alles schliesst sich, inklusive einer Sichtblende. 19 Sekunden dauert das Spektakel und damit sechs Sekunden länger als beim Cabrio. Auch ist das Öffnen und Schliessen nur im Stand möglich, weil die Heckscheibe beim Zurückschwenken die Rückleuchten verdeckt, die, so will es das Gesetz, bei Fahrt zu sehen sein müssen.

Vom Dach abgesehen, von der Gürtellinie abwärts also, ist der Targa mit dem Cabrio praktisch identisch. Das spiegelt sich in den Fahreigenschaften. Zu behaupten, wir merkten die 40 Extrakilos, die der Targa wegen der Heckscheibe auf die Waage bringt, wäre geschwindelt. Umgekehrt fällt uns aber auch die bessere Karosseriesteifigkeit nicht auf. Der Targa fährt sich schlicht, wie sich ein 911er fahren soll: kompromisslos spurstabil, mit souveräner Kraftentfaltung und schön biestigem Sound.

Gut, bei geschlossenem Verdeck geht es etwas ruhiger zu als im Cabrio, bei offenem minim weniger windig. Die Frisur wird aber auch im Targa ordentlich zerzaust, trotz des Windabweisers über der Frontscheibe. Dieser wird übrigens, man staunt, von Hand bedient. Einmal drücken, und er stellt sich aus, nochmals drücken, und er ist eingefahren. So einfach geht das ohne Elektromotoren.

Wie zuletzt schon gibts den Targa nur als Allradler, sprich mit dem extra breiten Heck. Angetrieben wird er wahlweise vom 3,4-Liter-Boxermotor mit 350 PS als Targa 4 oder vom 3,8-Liter-Boxer mit 400 PS als Targa 4S. Je nach Ausstattung gibt es dazu die bewährten Scharfmacher, vom Sport-Chrono-Paket bis zum Ausgleich der Wankneigung. Verglichen mit dem Cabrio, wird ein Aufpreis von 200 Franken fällig, was bei Basispreisen von 148?200 für den Targa 4 und 166?500 Franken für den 4S aber mehr ein Alibizuschlag ist. Kommt hinzu, dass man für Extras noch einmal gut 30?000 Franken einplanen sollte.

Bleibt die Frage, wer einen Targa kaufen soll. Porsche spricht von Kunden mit einem erhöhten Sicherheitsbedürfnis. Gemeint ist damit das subjektive Empfinden, denn das Cabrio ist längst ebenso sicher. Ob halb oder ganz offen, ist damit eine reine Stilfrage. Und das umso mehr, als man in einem 911er ja sowieso nur vorne und damit so oder so unter freiem Himmel sitzt. Der Targa ist «at this very moment» sicher die exzentrischere Wahl. Wie sich der wiedergeborene Klassiker am Markt bewährt, will Porsche nicht vorhersagen. «Wir schauen mal, wie sich alles entwickelt», hiess es an der Präsentation in Italien. Das ist tief gestapelt. «Stellen Sie sich vor, Sie treffen Ihre Jugendliebe wieder» – wer mit diesem Slogan wirbt, weiss, woran er ist. Die Synthese aus Retrodesign und Moderne ist den Schwaben perfekt gelungen. Der neue Targa sieht rundum aus wie aus einem Guss – oder sagen wir es so: wie frisch gebügelt.

Der Targa-Mythos – und was er nicht verrät

Bei der Geburt des Ur-Targa spielte die USA eine zentrale Rolle: Die Vereinigten Staaten dachten in den Sechzigerjahren über verschärfte Sicherheitsbestimmungen für Cabrios nach. Da kam Porsche die Idee eines 911ers mit Überrollbügel – des Targa. Der Entwurf gefiel Ferdinand Porsche so gut, dass letztlich nicht das drohende Cabrioverbot, sondern das Design den Ausschlag gegeben haben soll, den Targa in die Produktion zu schicken. Was der Mythos ausspart: Schon in den Sechzigern hat Porsche an einem Elfer-Cabrio getüftelt, aber es gab Probleme mit der Verwindungssteifigkeit. Auch dar­um ging der Targa in Serie.

Seine besten Zeiten erlebte er mit dem G-Modell zwischen 1973 und 1989, als 29 Prozent der verkauften Elfer den Bügel trugen. Obwohl der Targa ab 1980 mit dem 911-Cabrio interne Konkurrenz bekam, hat Porsche bis heute an ihm festgehalten.

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