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«Der grösste Lohn ist, zu sehen, dass es meiner Mutter gut geht»

Ohne ihren Sohn müsste die 92-jährige Josefa Meier von Oberägeri ins Heim. Armin Meier ist einer von immer mehr Söhnen und Töchtern, die es mit ihrem Engagement ­schaffen, dass ihre betagten Mütter oder Väter zu Hause bleiben können.

Es herrschte Ausnahmezustand. Das Leben des 56-jährigen Armin Meier aus Oberägeri hing an einem seidenen Faden. Aufgrund einer akuten Blutvergiftung musste er notfallmässig ins Spital eingewiesen werden. Und der ein­gespielte Alltag von Mutter und Sohn geriet gehörig durcheinander. Jetzt, ein paar Wochen später, sitzt der Sohn wieder quick­leben­dig neben seiner Mutter. Doch der Schock sitzt bei der Mutter noch tief. Ohne ihren Sohn ist die 92-jährige Josefa Meier nämlich aufgeschmissen. «Ich müsste ins Heim», ist für die Mutter klar. Zum Glück vermochte jedoch der Lebenspartner der vor gut zwei Jahren überraschend verstorbenen Tochter einzuspringen. Von Glück kann man ebenfalls sprechen, dass die Mutter noch recht mobil ist, allerdings zurzeit geschwächt, nach einer Lungenentzündung Anfang vergangenen Jahres und nach einem leichten «Schlegli» vor kurzem geht es ihr wieder «den Umständen ent-sprechend gut». Armin Meiers Vater ist schon vor über fünfzig Jahren gestorben. Keine Stelle – Zeit für die Mutter Der Alltag ist inzwischen wieder eingekehrt in die Fünfzimmer-wohnung mit Blick auf den Ägerisee, die sich Mutter und Sohn seit je teilen. Armin Meier richtet in der Küche konzentriert das Frühstück her. Dann holt er seine Mutter aus dem Bett und begleitet sie, im Arm eingehängt, in die Küche. Die beiden frühstücken. Anschliessend zieht sich die Mutter in ihr Zimmer zurück und legt sich nochmals hin, wie meistens vormittags. Währenddessen wendet sich Armin Meier seinen gewohnten Hausarbeiten zu – Staubsaugen, Waschen und Einkaufen. Und der grosse Garten gibt alle Hände voll zu tun, zwar weniger im Winter, dafür aber im Sommer. Was bewog Armin Meier, sich um seine Mutter zu kümmern? «Zu sehen, dass es meiner Mutter gut geht. Das ist mein grösster Lohn», erklärt er. Es hat sich aber auch daraus ergeben, dass der ausgebildete Maschinist seit längerer Zeit stellenlos ist. Arbeits­losen­taggeld erhält er seit November keines mehr und muss von seinem Ersparten leben. Um wenigstens einer kleinen Beschäftigung nachgehen zu können, engagiert er sich als freiwilliger Fahrer bei Tixi-­Taxi Zug. Der Tagesablauf ist gut durchorganisiert und bestens dokumentiert. Denn Armin Meier führt minutiös Tagebuch über ­alle Aktivitäten und Ereignisse. Gerne machen die beiden Ausflüge mit dem Auto, vorab in die nähere Um­gebung. Die Kantone Luzern und Tessin sind die nächsten Ziele. «Wir fahren, wenns geht», fügt er hinzu. Gerne sitzt die Mutter einfach nur im Garten und schaut ihrem Sohn bei der Gartenarbeit zu. Raum für eigenes Hobby muss sein Neben gemeinsamen Zeiten legt Armin Meier Wert darauf, Zeit für sich zu haben. So haben Mutter und Sohn je einen eigenen Fern­seher in ihren Zimmern, wo sie ungestört ihren Lieblingsprogrammen frönen können. Mag aber Armin Meier noch so vertieft sein in einen Film, ihm entgeht dank seines guten Gehörs nichts aus dem Zimmer seiner Mutter, falls einmal etwas passieren sollte. Die freie Zeit nutzt er aber auch, um sein Hobby auszuüben; seine umfangreiche Vinyl-Schallplattensammlung gilt es zu digi­talisieren. Ferien liegen in der nächsten Zeit nicht drin, vor ­allem nicht in der Südtürkei. Denn dort erinnert sich Armin Meier zu schmerzlich an seine Schwester. Mit ihr war er immerhin über dreizehnmal in dieser Region. Gibt es Grenzen bei der Betreuung seiner Mutter? «Eigentlich nicht», meint Armin Meier. Ausser bei der Körperpflege, hierfür würde er die Spitex rufen und bei medizinischen Fragen den langjährigen Hausarzt. Unterstützung bekommt er zusätzlich vom Lebenspartner seiner verstorbenen Schwester, der regelmässig und gerne kocht. Und schliesslich: «Wenn alle Dämme brechen», so Armin Meier, «gibt es gute Freunde und Nachbarn.» Inzwischen sitzt die Mutter in einem braunen, geblümten Kleid in einem Fauteuil im Wohn­zimmer, dessen Wände reichlich mit Erinnerungsbildern behängt sind. Die aus Wien stammende Österreicherin hört aufmerksam den Worten ihres Sohnes zu. Ab und an nickt sie zustimmend oder schüttelt den Kopf, wenn sie nicht einverstanden ist. Versöhnlich sagt sie indes mit österreichisch eingefärbtem Dialekt: «Armin ist so gut zu mir!» Stefan Müller Literatur: «Ich kann doch nicht immer für dich da sein», Wege zu einem besseren Miteinander von erwachsenen Kindern und betagten Eltern. Buchpublikation von Cornelia Kazis und Bettina Ugolini, Pendo-Verlag 2008; Neuauflage als Piper-Taschenbuch 2010.

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