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«Der grössten Gefahr waren die Arbeiter ausgesetzt»

biel?Nach dem Fund von radioaktivem Abfall auf einer Autobahn-Baustelle in Biel spricht André Herrmann, Experte für Radioaktivität, über die Gefahren im Brüggmoos und teure Fehlalarme – und er kritisiert die passive Kommunikation der Behörden.

Das Bundesamt für Gesundheit sagt, die Gefahr einer Verseuchung durch das Radium in Biel sei klein. Wie schätzen Sie die Situation ein? André Herrmann: Die gemessenen 300 Mikrosievert pro Stunde sind ein sehr hoher Wert. Wie gefährlich das radioaktive Material für den Menschen ist, hängt aber von der Art und der Dauer der Belastung ab. Die Strahlung ist erst ab einer gewissen Stärke unmittelbar gesundheitsschädigend oder gar tödlich. Ich gehe aber nicht davon aus, dass die direkte Bestrahlung in Biel ein grosses Risiko darstellte. Wieso nicht? Wenn jemand längere Zeit direkt über den gefundenen Radiumgefässen am Boden gearbeitet hätte, wäre das gesundheitsschädigend. Falls es aber nicht zu einem solch engen Kontakt kommt, ist die Bestrahlung für Menschen weniger gefährlich. Es gibt aber andere Gefahren? Die Lebensmittel aus den Schrebergärten sind wohl nicht kontaminiert – kaum eine der hiesigen Pflanzen nimmt das Radium über die Wurzeln auf. Das Grundwasser ist nicht betroffen, weil Radium wenig wasserlöslich ist. Relevant bleibt das Einatmen des kontaminierten Staubes. Wer könnte davon am stärksten betroffen sein? Die grösste Gefährdung sehe ich bei den Arbeitern, die auf der Baustelle Staub aufgewirbelt haben. Das gefundene Radiumpulver befand sich grösstenteils in Gefässen. Wenn diese verschlossen sind, gibt es kaum eine Gefahr. Sind aber einige davon kaputt, hat sich das Radium im Boden gestreut. Das wäre unschön. Wie geht man mit diesem Risiko um? Um die Strahlungsexposition zu messen, wurden die Arbeiter mit Dosimetern ausgerüstet. Ob sie die Stoffe eingeatmet haben, lässt sich so aber nicht sagen. Man müsste die Aktivität des Staubes messen. Es ist nicht das erste Mal, dass radioaktives Material auf einer Deponie gefunden wurde. Wie wahrscheinlich ist es, dass da noch mehr verborgen liegt? Die Einzelfälle kommen durch Zufall ans Licht, weil es in der Schweiz keine systematische Kontrolle gibt. Die Regelungen werden aber verbessert. Altmetallhändler müssen schon jetzt einkommendes Material prüfen. Zudem hat der Bund 2011 eine Empfehlung publiziert, welche den Einsatz von Strahlenmesstoren bei Kehrichtverbrennungsanlagen fordert. Für die Deponien gibt es aber keine Regelungen. Tatsächlich führen viele Deponien in der Schweiz keine Strahlenmessungen durch. Sie können also nicht feststellen, ob radioaktives Material angeliefert wird. Wieso wird nicht aufgerüstet? Das Aufrüsten und die zu erwartenden Fehlalarme sind teuer. Zudem kommen Ladungen mit radioaktivem Inhalt selten vor – und auch dann ist nicht sicher, ob sie schädlich sind. Letztlich ist es also eine Kostenfrage. Ihre Einschätzung aus der Distanz: Wird der Fund in Biel grösser gemacht, als er ist? Vielleicht in Bezug auf die Gefährdung. Aber was die Kommunikation angeht, finde ich den Fall sehr interessant. Es zeigt sich, dass von den Behörden immer öfters passiv informiert wird. Wichtige Informationen werden zwar in Berichten festgehalten, man geht aber nicht aktiv auf die Bevölkerung zu. Ich bin für eine aktive Transparenz. Aus meiner Sicht hatten die Behörden eine Bringschuld. Wer hätte informieren sollen? Gesetzlich liegt die Radioaktivität klar in der Kompetenz des Bundes. Die Information müsste also über das BAG laufen. Der Kanton ist aber näher an der Bevölkerung und könnte unterstützend wirken. So oder so: Die Informationsstrategie hat nicht funktioniert. Im Hinblick auf mögliche Ernstfälle müssen die Abläufe optimiert werden.

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