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Der grosse Abschied

Nun heisst es nicht nur im Stück: Please begin with the Abbau. Nach der Dernière von «Fabrikk» zieht Karl’s kühne Gassenschau weiter. Ein Rückblick auf eine grosse Zeit.

Noch einmal blühen die Blumen auf. Noch einmal geht der Mond still seinen Gang. Noch einmal fliegt der Schmetterling in den Himmel hinein. So hätte es ewig weitergehen können, vom Ende bis wieder an den Anfang. Das geht aber nicht. Denn die Blumen, der Mond, der Schmetterling taten das alles zum letzten Mal. Am Samstag war Dernière für «Fabrikk» auf dem Gelände des Industrieparks in Oberwinterthur. Eine grosse Geschichte, die viele Menschen bewegt hat, ist an ihr Ende gekommen. Das Schiff fährt jetzt weg. Und es heisst: Adieu, Karl’s kühne Gassenschau. Auf Wiedersehen, weit weit weg von hier. Mit the Making of Fabrikk hat alles vor zwei Jahren begonnen. Sechzig Tonnen Bühne wurden damals auf dem Gelände aufgebaut, mit allem, was in einer Schokoladenfabrik so herumsteht: Conchiermaschine, Förderband, Stempeluhr, Kaffeeautomat. Eine Hy­draulikanlage montierten die Gassenschau-Techniker unter die Bühne, samt einem künstlichen See. So kam die ganze Geschichte, die vom Werden und Vergehen einer Schweizer Schokoladenmanufaktur erzählt, in Fahrt. Und es war grossartig. Liebe, Glaube, Hoffnung Vom ersten Tag an liess sich das Publikum begeistern: von den Blumen, die sich auf der Bühne riesig aufplusterten, vom Mond, der zu jeder Vorführung still hinter dem Wäldchen erschien, auch vom Schmetterling, der ganz am Schluss in den Himmel flog, befreit von allem, was Menschen immer so bedrückt. Zwar steht am Schluss die ganze Belegschaft im Wasser, die Chinesen haben die ganze Fabrik gekauft, und weg fährt der Container mit Conchiermaschine, Förderband, Kaffeeautomat, Stempeluhr nach China. Traurig ist dieser Schluss, aber auch sehr schön, denn es zeigt sich die Hoffnung auf einen Neubeginn. Meist steht in diesem Moment das Publikum zu Standing Ovations auf, denn es hat ein grosses Spektakel gesehen: mit raketenmässigen Stunts und auch sehr anrührenden Momenten. So war es auch an der Dernière. Und die Zuschauerinnen und Zuschauer, die das Spektakel schon kannten, sahen: Mit der Zeit ist vieles in «Fabrikk» noch besser geworden. Es ist jetzt ein wirklich grosses Theater. Und die Statisten hielten zum Schlussapplaus ein Transparent in die Höhe, die Botschaft lautete: Unsere Herzen bleiben bei Karl’s kühne Gassenschau. Sie sprachen auch dem Publikum aus dem Herzen, nicht nur an dieser Dernière. Letztes Jahr war eigentlich schon vorzeitig das Ende angesagt. Das Gelände, auf dem «Fabrikk» spielte, stand vor dem Verkauf. Die Geschichte schien Karl’s kühne Gassenschau einzuholen. Doch der Traum von der Kunst war zum Glück einmal stärker als der aller wirtschaftlichen Hoffnungen: Lieber ein richtiges «Fabrikk»-Theater als eine Traumfabrik, das war die Devise. Und so ging auch die zweite Spielzeit mit einem grossen Erfolg über die Bühne. Mehr als 250 000 Zuschauerinnen und Zuschauer haben die Vorstellungen in den zwei Jahren gesehen. Eine Heimat auf Zeit Die Vorstellungen haben sich hier eingeschrieben «Es ist ein wunderbares Gelände, Winterthur ist für uns so eine Art Heimat», sagt Ernesto Graf zum Abschied, er gehört zusammen mit Brigitt Maag, Markus Heller und Paul Weilenmann zu den Gründern der Truppe. In Winterthur entstand auch «Silo 8», von hier aus gingen die beiden Produktionen auf eine grosse Reise. Nicht unbedingt nach China. Sondern nach Olten. Im Mai 2013 wird dort «Fabrikk» wieder aufgenommen. Später ist die Gassenschau mit diesem Spektakel dann im Steinbruch von St-Triphon im Welschland zu Gast. Um dann mit einer neuen Idee für ein Spektakel nach Winterthur zurückzukehren, so ist der Plan – vielleicht geht der Verkauf des Terrains doch nicht so schnell über die Bühne wie eigentlich vorgesehen. «Fantasie, Leidenschaft, Hartnäckigkeit, Hingabe, Sorgfalt, Mut, Kühnheit», das ist das Rezept der Truppe Karl’s kühne Gassenschau, und das schon seit 29 Jahren. «Sie packen die Gefühle der Zuschauer ein, rühren zu Tränen und sorgen für anhaltendes Gelächter», hat der «Landbote» ganz am Anfang ihres Weges geschrieben. Mit jeder Produktion ging die Gassenschau dann weiter an die Grenzen des Möglichen. «Silo 8», «Akua», «Stau», «Steinbruch» erweiterten für ein grosses Pu­blikum die Vorstellungen von Theater. Das gilt auch für «Fabrikk». Nur dass die Grenzen jetzt vor Olten sind. Wir wünschen der Gassenschau: eine gute Reise! Uns uns selber: ein Wieder­sehen. www.fabrikk.ch

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