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«Der Himmel wird bald schwarz sein»

Unbemannte Fluggeräte wurden bislang vor allem vom Militär eingesetzt. Doch jetzt überwachen solche Drohnen auch Schulwege und machen heimlich Luftaufnahmen von Privatgärten. Bürgerrechtler heben den Warnfinger.

Julian Oes (24) gibt mit ein paar Klicks auf seinem Laptop die letzten Koordinaten ein. Dann beginnen sich die vier Rotoren an den Enden des farbigen Metallkreuzes zu drehen. Elegant hebt der «Arducopter» in den blauen Himmel über dem kalifornischen San Diego ab. Wie von unsichtbarer Hand gesteuert, navigiert die Heimdrohne an den Garagentoren des unauffälligen Geschäftsparks vorbei, steigt immer höher, entschwindet fast, um nach dem programmierten Rundflug wieder am Startplatz zu landen. «Er kann alles alleine machen», sagt der junge Mann aus Winterthur, der seit einem halben Jahr bei 3D-Robotics mit an einer Zukunft bastelt, die den Alltag nachhaltig verändern könnte. «Die Technik unserer Drohnen ist im Prinzip nicht wesentlich anders als die der Militärs», verrät der Maschinenbaustudent der Zürcher ETH. «Aber sie ist sehr viel günstiger.» Während die Firma General Atomics den Militärs für die militärische Drohne «Predator», die wenige Meilen entfernt gefertigt wird, vier Millionen Dollar pro Stück in Rechnung stellt, verschickt 3D-Robotics seine Heimdrohnen zum Selberbauen für rund 500 Dollar frei Haus. Statt 14 Stunden über dem Zielgebiet zu kreisen, schafft die Batterie des «Arducopters» zwar nur 20 Minuten. Und ausser Fotos und Videos aus einer Kamera lässt sich mit der Heimdrohne auch nichts schiessen. Dafür sind den Einsatzmöglichkeiten der elektronischen Brummer im zivilen Bereich kaum Grenzen gesetzt. Smartphones mit Flügeln Die Einsatzgebiete reichen von der Überwachung des Schulwegs über Luftaufnahmen von Häusern für Immobilienmakler, Kontrollflügen in der Landwirtschaft und der Beobachtung seltener Tiere bis hin zu spektakulären Filmaufnahmen für Hollywood. Nützlich sind Drohnen auch für die Verkehrsüberwachung, bei Grossbränden mit giftigen Gasen, Sportübertragungen oder bei Such- und Rettungseinsätzen der Bergwacht. Eine Firma im kalifornischen Palo Alto denkt schon über Postkurierdienste nach. Andere fantasieren von «Taco-Coptern», die Fastfood ausliefern. «Der Himmel wird bald schwarz mit den Dingern sein», schwärmt Chris Anderson, Geschäftsführer des Start-ups. Schon heute verkauft 3D-Robotics mit 7500 Heimdrohnen mehr unbemannte Flugkörper im Quartal, als die US-Streitkräfte insgesamt im Arsenal haben. Zusammengebaut werden sie in San Diego und einer Fabrik auf der anderen Seite der Grenze in Mexiko. Das ursprüngliche Design des Autopiloten stammt vom Mexikaner Jordi Muñoz. Anderson entdeckte den damals 19-jährigen Jordi, als dieser seine Ideen auf dem Blog «DIY Drones» veröffentlichte. Seitdem sind die beiden ein Team. Anderson gab Muñoz 2008 finanzielle Starthilfe, gründete im Jahr darauf mit ihm zusammen 3D-Robotics und mobilisierte Risikokapital. Der junge Mexikaner heuerte alte Schulfreunde und Bekannte an, die immer noch einen guten Teil der 75 Mitarbeiter auf beiden Seiten der Grenze ausmachen. Zum Beispiel Betriebsleiter Lorenzo Lopez (27), der bereitwillig die Türen zum Labor und der Produktion öffnet. Er kennt Jordi schon seit der Grundschule und teilt dessen Open-Source-Philosophie. Also die Idee, keine Geheimnisse bei der Softwareentwicklung zu haben. «Wir wollen so transparent wie möglich bleiben», beschreibt er den Anspruch der Firma, die tatsächlich in einer Garage entstand und ihren Erfolg den unzähligen Stunden freiwilliger Programmierarbeit der Drohnengemeinde zu verdanken hat. Im Unterschied zu der Geheimniskrämerei der Rüstungsunternehmen General Atomics oder Northrop Grumman, die San Diego zur Drohnenhauptstadt der USA machen, geht es bei 3D-Robotics betont offen zu. Spielekonsolen und Aquarium verleihen der Erfinderwerkstadt eine legere Atmosphäre. «Vor zehn Jahren war das unvorstellbar», sagt Anderson, der in einem viel beachteten Manifest daran erinnert, wie die Kosten für leistungsfähige Sensoren, Chips, Kameras und GPS von einst Hunderttausenden Dollar auf heute wenige Cents zusammenschmolzen. Warum? Die Erklärung steckt bei Millionen Menschen in der Tasche. iPhone und iPad haben einen Massenmarkt für die darin verwandten Bauteile geschaffen. Anderson nennt die Heimdrohnen deshalb auch «Smartphones mit Flügeln» und sagt ihnen eine ähnlich rasante Verbreitung voraus. Angriff auf die Freiheit Eine Vorstellung, die nicht nur Begeisterung auslöst. Der Bestsellerautor Daniel Suarez malt in «Kill Decision» ein düsteres Szenario aus, in dem Schwärme autonomer «Todes»-Drohnen wie Insekten vor Fenstern auftauchen und Menschen angreifen. «Wie können sie Freiheit schützen, wenn die Mächtigen softwaregesteuerte Roboter haben, die Widerspruch entdecken», fragt Suarez, der jahrelang für ein Tochterunternehmen des in San Diego ansässigen Rüstungskonzerns Northrop Grumman als Technologieberater tätig war. Während Killerdrohnen am Küchenfenster futuristisch anmuten, ist die Angst vor dem Missbrauch der unbemannten Fluggeräte heute schon weitverbreitet. «Diese Wachstumstechnologie ist billig und stellt eine signifikante Bedrohung der Privatsphäre und Bürgerrechte für Millionen von Amerikanern dar», schlägt der Vorsitzende des Justizausschusses im US-Senat, Patrick Leahy, Alarm. Die explosionsartige Verbreitung zivil genutzter Drohnen müsse dringend in geordnete Bahnen gelenkt werden. Angst vor Totalüberwachung Leahy drückt die Sorge vieler Bürger vor der Totalüberwachung des Alltags aus. Dieselben Drohnen, die für segensreiche Anwendungen eingesetzt werden können, haben das Potenzial, tief in die Freiheitsrechte einzugreifen. Darf die Polizei künftig zum Beispiel Drohnen routinemässig über Gärten fliegen lassen, um nach Marihuanapflanzen zu spähen? Können Paparazzi ungestraft Stars aus der Luft auf Schritt und Tritt verfolgen? Wo verlaufen die Grenzen, wenn private Detektive untreue Ehemänner von oben überwachen? Die grösste amerikanische Bürgerrechtsbewegung ACLU warnt bereits düster vor «einer Routineüberwachung des amerikanischen Lebens». So setzt zum Beispiel die U.S. Border Patrol schon seit 2005 entlang der Grenze zu Mexiko Drohnen ein. Zurzeit patrouillieren zehn unbewaffnete Drohnen, demnächst soll die Flotte auf 24 aufgestockt werden. Insgesamt sind in den USA schon Zehntausende unbemannte Flugkörper privat im Einsatz. Neue Firmen spriessen wie Pilze aus dem Boden. Auf der jährlichen Ausstellung der «Association for Unmanned Vehicle Systems International» in Las Vegas stellten 500 Unternehmen Lösungen von der Überwachung archäologischer Grabungsstätten bis hin zu Drohnen vor, die in Wirbelstürme fliegen können. Industrieexperten schätzen den Gesamtmarkt für militärische und zivile Drohnen auf 5,9 Milliarden US-Dollar und sagen für die nächste Dekade eine Verdoppelung des Volumens voraus. Immer stärker dürften auch die Rüstungsunternehmen in den zivilen Markt drängen. Was betont nichtmilitärischen Herstellern wie 3D-Robotics zu schaffen macht. CEO Anderson ist aber fest davon überzeugt, dass sich diese Wahrnehmung ändern wird. «Das Internet war im militärischen Bereich entwickelt worden», erinnert er an den wohl folgenreichsten Technologietransfer. Wie auch das Global Positioning System (GPS) ursprünglich einmal für Lenkraketen (Cruise Missiles) erfunden wurde. Verlockung Massenmarkt 3D-Robotics plant bereits eine Ausweitung seiner Produktion und die nächste Generation an Heimdrohnen. «Wir sind wirklich durchgestartet, jetzt müssen wir in die richtige Richtung steuern», meint Betriebsleiter Lopez, der den Massenmarkt im Visier hat. «Plug and Play», heisst das Zauberwort, das sich in diesem Fall mit «auspacken und losfliegen» übersetzen lässt. «Wir wollen es idiotensicher machen.» Das, kombiniert mit leicht andockbarem Zubehör wie Kameras und Mikrofonen zu einem attraktiven Preis, könnte den breiten Durchbruch bringen. Willkommen in der schönen neuen Welt der Heimdrohnen.

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