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Der Hürlistein ist steiler als der Gotthard

Verspätungen soll sie verhindern und gleichzeitig die Voraussetzungen für mehr Züge zwischen Winterthur und Zürich schaffen: Die SBB haben am Samstag am Hürlistein ihr Brückenbauwerk eingeweiht.

Ein Doppelstockzug fährt im Schritttempo heran. Links und rechts der S-Bahn-Komposition sprühen Funken eines Feuerwerks. Konfetti fliegt in die Luft. Aus den Boxen erklingt eine dramatische Hymne. Und die SBB lassen gar einen kleinen Helikopter fliegen, um Luftaufnahmen zu machen. Was sie so gross feiern, heisst in ihrer Medienmitteilung nüchtern: «SBB nehmen die Überwerfung Hürlistein in Betrieb.» Diese Überwerfung, eine Brücke, ist für die SBB ein zentrales Bauwerk: Denn der Hürlistein ist eines der Nadelöhre im Bahnnetz. Rund 600 Züge fahren derzeit hier täglich vorbei. In fünf Jahren rechnen die SBB mit 800. Mit der Überwerfung kann der Bahnverkehr «konfliktfrei» geführt werden, sagte Toni Eder, Vizedirektor beim Bundesamt für Verkehr, bei der offiziellen Einweihung am Samstag. Einem Autobahnkreuz gleich ermöglicht die Überwerfung, dass sich Züge nicht mehr auf gleichem Niveau kreuzen. Bislang mussten beispielsweise S-Bahnzüge aus Richtung Dietlikon nach Effretikon vor der Kreuzung warten, wenn ein Schnellzug von Effretikon über Bassersdorf zum Flughafen fuhr. Ein Puzzlestein Dies konnte zu Verspätungen führen und schränkte generell die Kapazität ein, wie Markus Geyer, Leiter Projekte SBB Infrastruktur, festhielt. «Die Engpässe an einer der meistbefahrenen Strecken Europas sind nun mit der Überwerfung behoben.» Die Züge aus Dietlikon werden offiziell ab dem Fahrplanwechsel über die Brücke fahren. Das Bauwerk ist ein wichtiges Puzzleteil im Ausbau des Bahnkorridors Winterthur-Zürich (siehe Kasten unten). Es ermöglicht stabilere Fahrpläne, macht zusätzliche S-Bahnen möglich und gilt auch als Voraussetzung für die Einführung des Zwei-Stunden-Taktes des Eurocitys von Zürich nach München. Letzteres lässt vorerst aber noch auf sich warten. Die entsprechenden Ausbauarbeiten auf deutscher Seite verzögern sich. Deshalb sehen SBB und deutsche Bahn auch vor, mit dem bevorstehenden Fahrplanwechsel einen Shuttle-Bus-Betrieb einzuführen, um im Zusammenspielt mit Bahn und Car einen Zwei-Stunden-Takt zu schaffen. Die Überwerfung am Hürlistein schafft einen Höhenunterschied von neun Metern zum bestehenden Gleisniveau. «Für diese kleine Höhe musste ein 1500 Meter langes Bauwerk erstellt werden», sagte Markus Geyer. «Diese grosse Länge ergibt sich aus den Einschränkungen bei der Neigung, welche die Züge überhaupt überwinden können.» Von Dietlikon herkommend steigt das Gleis mit 3 Prozent bis zur Kreuzung mit der Flughafenlinie an. «Für ein Auto ist das nichts, für einen Zug ist dies aber schon viel», führte Geyer aus. Die Steigung am Hürlistein sei steiler als am Gotthard. Mit Anlauf und Schwung sei die Überwerfung aber zu meistern, sagte GEyer lachend. Ausgelegt ist die Überwerfung für eine Geschwindigkeit bis 125 Kilometern pro Stunde. Ein lange VorlaufzeitMit der Überwerfung am Hürlistein wird ein Engpass im Nadelöhr des Bahnnetzes zwar entschärft. Doch macht er andere Projekte – etwa den seit langem angedachten Brüttenertunnel – nicht obsolet, wie Geyer betonte. Und Toni Eder vom Bundesamt für Verkehr wies darauf hin, dass Ausbauvorhaben eine lange Vorlaufzeit haben. Ein Grossprojekt, wie die Überwerfung Hürlistein dauere von der Idee bis zur Inbetriebnahme etwa acht bis zehn Jahre. «Wir müssen auch an die Zukunft denken, deshalb bereiten sich Bund, Kantone und Bahnen bereits auf die nächsten Ausbauschritte vor.» Diese sind etwa in der eidgenössischen Vorlage «Finanzierung Bahninfrastruktur (Fabi)» enthalten, über die das Stimmvolk am 9. Februar befinden wird. In dieser Vorlage ist unter anderem auch ein Planungskredit für den Brüttenertunnel aufgeführt, der von Winterthur nach Bassersdorf führen soll. Dieser könnte langfristig das Nadelöhr Winterthur-Zürich unter Umgehung von Effretikon und dem nur zweigleisig ausgebauten, kurvigen Kempttal weiter entlasten. Ab dem Fahrplanwechsel am 15. Dezember fahren die Züge von Dietlikon in Richtung Effretikon über die Überwerfung Hürlistein. Auf Dietliker Seite ist ein 500 Meter langer Damm erstellt worden. Dieser Rampe schliesst sich auf Effretiker Seite eine Brücke an. Das gesamte Bauwerk ist 1500 Meter lang. Laut Markus Geyer, Leiter Projekte bei SBB Infrastruktur, sind rund 12?000 Kubikmeter Beton verbaut worden. «Das entspricht zwölf Millionen Tetrapackungen Milch.» 1600 Tonnen Stahl wurden ebenfalls verwendet («das Gewicht von 1200 Autos»). Der Bund hat 63 Millionen Franken in das Bauwerk investiert. Die Bauarbeiten dauerten – wie geplant – zweieinhalb Jahre. Gemäss Angaben der SBB wurden während des Baus rund 600 Gleissperrungen notwendig. Doch Einschränkungen des Angebots für die Bahnkunden ergaben sich keine. Wie üblich in der Schweiz sei die Überwerfung «unter rollendem Rad» realisiert worden, sagt Geyer.

Ein viertes Gleis bis Effretikon

Die sogenannte Überwerfung Hürlistein fertiggestellt worden. Die Arbeiten gehen aber weiter: Im März haben die SBB damit begonnen, zwischen Hürlistein und dem Effretiker Bahnhof ein viertes Gleich einzubauen. Mit der «ZEB (zukünftigen Entwicklung Bahninfrastruktur)» und der vierten Teilergänzung der Zürcher S-Bahn sind Angebotsverbesserungen vorgesehen. Diese bedingen im Raum Hürlistein und Effretikon gemäss SBB «weitreichende Erweiterungen und Anpassungen der Infrastruktur». Im Bahnhof Effretikon sind umfassende Anpassungen der Weichenverbindungen und der Signalisierung vorgehen. Die Perrons werden behindertgerecht umgebaut. Die Kosten der bis etwa 2016 dauernden Arbeiten werden auf 130 Millionen Franken veranschlagt. Und im Raum «Dorfnest» ist eine weitere Überwerfung geplant, damit die Bahnlinien Flughafen-Bassersdorf und Kloten-Bassersdorf nicht mehr auf gleichem Niveau kreuzen müssen. Dank dem 200 Meter langen Brückenwerk können die Züge entflochten werden (85 Millionen).

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