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Der Kirchturm mit Seele

Sie werden gleich schlagen, die Viererglocke, dann die Betzeitglocke, um mit ihrem Ding-Dang die nächste Viertelstunde anzuschlagen. Wenn die Hämmer dann tatsächlich aufschlagen, erschrickt man trotzdem. Der Ton fährt durch Mark und Bein, klingt aber lange aus, in einem Summen, das minutenlang anhält. Herrlicher Klang erfüllt den Glockenraum im Kirchturm Wiesendangen. Ungehindert ins Freie und in die Ferne hallen darf er jedoch heutzutage nicht mehr. Dicke Glasscheiben dämpfen Glockenschlag und Geläute. «Ein Dorfbewohner hat sich über die lauten Kirchenglocken beschwert», berichtet Benjamin Kindhauser, der ehemalige Sigrist und Turmwart der reformierten Kirche Wiesendangen. Von aussen ist der fünfhundertjährige Kirchturm ein einfacher, aufgestellter Quader von 33 Metern Höhe. Er trägt ein Satteldach, weist gotische Fensteröffnungen auf Glockenhöhe auf und zeigt auf jeder Seite ein Ziffernblatt. Durch Simse ist er optisch in vier Blöcke gegliedert. Somit ist er fast der einfachste denkbare Kirchturm. Er unterscheidet sich kaum von der Urform des Turms, wie sie zum Beispiel der Siloturm der Maggi-Fabrik zeigt («Landbote» vom 15. April). Anders ist nicht das Äussere, anders ist die Funktion des Kirchturms. Er ist dazu da, den Glockenklang in die Weite zu tragen. Diesem Zweck ist die Bauweise untergeordnet. Seine Mauern sind an seinem Fuss eineinhalb Meter dick und verjüngen sich gegen oben auf einen immer noch mächtigen Meter. Dies ist bei einer Konstruktion aus Bruchsteinen notwendig. Ungeheure Kräfte wirken bei vollem Geläut auf das Mauerwerk. Trotz seines gewaltigen Gewichts bewegt sich der Turm beim Schwung der Glocken zwei Zentimeter hin und her. Allein der Klöppel der grossen Glocke wiegt 130 Kilogramm. Die Glocken einer Kirche stehen für die Stimme des Herrn, der seine Herde zu sich ruft – so wird im religiösen Zusammenhang die Bedeutung des Kirchengeläuts verstanden. Damit erschöpft sich die Funktion von Turm und Geläut aber nicht. Sicher, die Glocken rufen bis heute zum Gottesdienst. Sie läuten aber auch den Tag ein und aus, sie trennen Arbeits- und Ruhezeit, künden Essenszeiten ebenso wie den Sonntag an und schlagen die Stunde. In Wiesendangen läutet zudem bei Tagesbeginn die grosse Glocke, wenn ein besonderes Ereignis ansteht, etwa eine Hochzeit oder eine Beerdigung. Daneben gab es bis in die neuste Zeit einen besonderen Brauch: Am Silvesterabend versammelten sich Freunde des Kirchturms jeweils im Glockenraum, mit Ohrenschutz wohlverstanden. «Als das alte Jahr ausgeläutet war und das neue noch nicht eingeläutet, Schlag zwölf Uhr, haben wir angestossen», erzählt Benjamin Kindhauser. Kirchtürme und ihre Glocken sind also eine Art Nachrichtensender aus der Zeit vor der Erfindung des Radios. Das Verständnis dafür kommt immer mehr abhanden, bemerkt der alte Sigrist, «viele Bewohner schlafen nur hier in Wiesendangen». In der Tat hat sich das alte Bauern- und Handwerkerdorf längst in eine vorstädtische Wohngemeinde verwandelt. Überall im Ort schiessen neue Häuser in die Höhe. Allein in den letzten fünf Jahren hat die Wohnbevölkerung um zehn Prozent zugenommen – dies ohne die Fusion mit der Nachbargemeinde Bertschikon. Fünfhundert Jahre ist der Kirchturm von Wiesendangen nun alt. Doch dem stolzen Bauwerk ist im Medienzeitalter seine Funktion abhandengekommen. Oder mindestens die ursprüngliche Funktion. Blickt man von Winterthur in Richtung der Vorortsgemeinde, sucht das Auge als Erstes den Kirchturm. Ungerührt von aller Veränderung um ihn herum, verkündet er: Hier ist Wiesendangen, hier ist die Mitte, hier ist ein Stück Geschichte. Der Kirchturm gibt der ansonsten vielleicht austauschbaren Wohngemeinde eine Seele.

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