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Der König der Lüfte tanzt vor seiner Linse

Der Adler hat es Fotograf André Boss aus Kollbrunn besonders angetan: Für einen Schnappschuss sitzt der 34-Jährige jeweils acht bis zehn Stunden in einem Versteck.

Das Lieblingssujet ist bei Fotograf André Boss zu Hause allgegenwärtig: In seiner Wohnung in Kollbrunn stapeln sich Skulpturen und Figuren von Greifvögeln. Der prominenteste Auftritt gehört aber einem Seeadler. Dieser prescht regelrecht aus dem Wasser hervor – seine Flügel weit ausgestreckt. Unter ihm spritzt noch das Wasser auf, weil er sich kurz zuvor hin­abgestürzt hat, um einen Fisch zu packen. Es ist das Lieblings- foto von Boss, das als Bild im Wohnzimmer hängt. Ein starker Schnappschuss, für den der 34- Jährige einige Anläufe brauchte. «Das war mein Durchbruch.» Schon als Kind war Boss vom Adler angetan. «Wenn es einen König am Himmel gibt, dann ihn.» Und seine Frau Ersilia sieht sogar Parallelen beim Charakter: Etwa beim majestätischen Auftreten und bei der guten Beobachtungsgabe. Um einen Adler vor die Linse zu kriegen, hockt Boss manchmal acht bis zehn Stunden in einem Versteck. Nur um dann vielleicht 15 Minuten Action einzufangen. «Es braucht enorm viel Geduld, und man muss das Verhalten der Tiere kennen.» Seine Arbeit vergleicht er mit jener eines Jägers. Einziger Unterschied: «Wenn ich abdrücke, ist das Tier danach noch am Leben.» Es ist der Moment mit dem Tier, den Boss so fasziniert. «Ich brauche diesen Kick.» Einen solchen Einblick bekomme man sonst nie. Trotzdem ist ihm der Respekt vor dem Greifvogel wichtig. Er wahrt immer eine gewisse Distanz. «Wenn man das Tier stört, sieht man das auch auf den Bildern.» Ein spezielles Erlebnis war für Boss der Besuch der Falconeria in Locarno vor vier Jahren. Dort konnte er erstmals einem Adler auf Augenhöhe begegnen und ihn auf der Hand halten. «Das ist noch einmal etwas ganz anderes.» Aus der Begegnung mit dem Falkner hat sich eine Freundschaft ergeben. Mittlerweile bietet Boss in der Falconeria auch einen Workshop an, in dem er sein Wissen über die Greifvogelfotografie weitergibt. Zuerst versuchte sich Boss dem Steinadler in den Schweizer Bergen zu nähern. Allerdings mit wenig Erfolg. Schliesslich kam er vor gut einem Jahr auf Norwegen, wo sich Steinadler aus geringer Distanz und Seeadler aus dem Boot auf den Fjorden beobachten lassen. «Man muss kein Bergsteiger sein, und die Lichtverhältnisse sind dank der flachen Sonne optimal», sagt Boss. Inzwischen hat er bereits mehrmals die Gegend um Trondheim bereist und bietet neu auch Fotoreisen dorthin an. Dabei schleppt er jeweils rund zwölf Kilogramm Ausrüstung mit. Pro Woche knipst er etwa 1500 Bilder mit seiner digitalen Spiegelreflexkamera und einem Spezialobjektiv mit einer Brennweite von 200 bis 400 Millimetern. «Die ultimative Waffe für einen Tierfotografen – dank Zoom», sagt Boss. Allerdings auch ein teurer Spass: Die Ausrüstung hat mehrere Zehntausend Franken gekostet. Vor rund zehn Jahren hat Boss damit angefangen, Natur und Tiere zu fotografieren. «Schuld ­daran sind meine Eltern.» Schon sie haben auf Wanderungen Tiere fotografiert und ihrem Sohn früh eine Kamera in die Hand gedrückt. Einige Tipps hat Boss auch von seinem Schwiegervater – ebenfalls ein Tierfotograf – bekommen. Den Rest hat er sich selbst beigebracht. Dieses Jahr erreichte er mit seinem Adler-Portfolio das Finale des internationalen Wettbewerbs «Wildlife Photographer of the Year», der vom Natural History Museum in London veranstaltet wird. «Das war eine grosse Ehre.» Sein Arbeitgeber Canon, bei dem er seit drei Jahren technische Kamerakurse gibt, hat zudem eines seiner Adlerfotos für eine Kam­pa­gne verwendet. Trotzdem sagt Boss: «Das perfekte Bild gibt es eigentlich nicht. Man kann es immer besser machen.» Aufgewachsen ist Boss in Schlieren – als Sohn eines Coiffeurs und einer Zahnarztgehilfin. Von 1996 bis 2000 hat er bei Rediffusion eine Lehre als Unterhaltungselektronikverkäufer absolviert. Den Beruf hat er aber nie ausgeübt. «Damals kam gerade der Abendverkauf auf», sagt Boss. Dies liess sich schlecht mit seiner Leidenschaft verbinden: dem Tanzen. Dafür trainierte er früher viermal in der Woche und war auch auf Turnieren in ganz Europa unterwegs. Daher suchte er sich einen Bürojob und landete bei der NZZ: Zuerst im Aboservice, später im Datenmanagement. Seine Frau lernte er 2009 auf dem Tanzparkett kennen – als Gegnerin. «Es war eine Art Hassliebe. Er schien so unnahbar», sagt Ersilia. Für sie kam sein In­ter­esse daher unerwartet. Gefunkt hat es trotzdem. Den Schweizer-Meister-Titel in den lateinamerikanischen Tänzen holten sich die beiden dann Ende 2012 als Tanzpaar – und hörten auf dem Höhepunkt ihrer Karriere auf. Danach ging es schnell. Im letzten Sommer heirateten die beiden, im letzten Herbst zogen sie von Urdorf ins Tösstal und nun erwarten sie im September Nachwuchs.

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