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Der letzte Tanz

Glück wird aus Verlust geboren: Der Schweizer Regisseur Roger Vontobel zeigt im Theater Winterthur seine Lesart von Henrik Ibsens Drama «Hedda Gabler». Ziemlich aufregend.

Am 14. März hatte «Hedda Gabler» am Schauspielhaus Bochum, wo Roger Vontobel Hausregisseur ist, Premiere gehabt. Die Nachrichten über die Aufführung, die zu uns kamen, waren nicht so gut. Von «Hedda gegen den Rest der Welt» war in einer Zeitungskritik zu lesen. Ohne Zwischentöne werde die Inszenierung Ibsens Drama nicht gerecht – so was tut man nicht. Denn: Die Bochumer Hedda nehme «die Frauenrolle, mit der sie einen Konflikt hat, gar nicht an». War­um sollte sie auch? Heute gehört das Kinderkriegen, wie es Ibsen noch so um achtzehnhundertneunzig in seinem Stück postuliert hat, nicht unbedingt zu den natürlichen Aufgaben der Frau. Die Rollen haben sich eben verändert. Salon-Drama war gestern. Ibsen heute ist anders. Das zeigt auch Heddas Winterthurer Gastspiel. Sie ist nicht gegen den Rest der Welt. Sondern ein Wesen für sich, in diesem Living Theatre, das um uns ist. Dazu gehören auch die Gespenster der Gegenwart: wehleidige Ehemänner, ach so verliererisch aufgelegte Liebhaber, Männer auf der Jagd nach Liebe. Roger Vontobel bringt den ganzen Horror auf die Bühne. Und macht daraus eine Gesellschaftskomödie. Die Inszenierung beginnt mit Video. Bilder von Pflanzen und Tieren werden auf die Luftpolsterfolie projiziert. Dar­auf zu sehen ist ein Stillleben von Werden und Vergehen mit Orchidee, Schlangengift, Gottesanbeterin und Co. – wie passend zu dieser Vorstellung einer Hedda. Der möblierte Albtraum Dann poppt die Geschichte auf. Auftritt Felix Rech (als Tesman, der Heddas Ehemann ist) und Katharina Linder, seine Tante Juliane; sie schneiden akkurat Fenster und Türen aus der Folie: ein schönes Bild dafür, wie sich beide in der Gesellschaft eingerichtet haben wollen. Kurz: Er arbeitet fleissig an seiner Karriere – und hat auf der Hochzeitsreise auch seinen Doktor in Kulturwissenschaften gemacht – Hedda soll in seiner Zukunftsplanung so etwas wie das «Ich habe es geschafft»-Vorzeigeobjekt werden. Die Tante dagegen arbeitet eher an der Innenausstattung des Puppenhauses, wo das junge Paar sein (Kinder-)Glück finden soll. Es ist schon in diesem Moment recht perdu. Glück wird aus Verlust geboren. Hedda gibt sich mit einem Leben im Plus gar nicht ab. Gegen den möblierten Albtraum hat sie ein Gegenprogramm, es heisst No Future. Ab jetzt kann man die selbst gestrickte Pantoffel-Fraktion von Ehemann und Tante gleich vergessen: Auftritt Jana Schulz, sie ist der Star des Abends. Schwarzer Anzug, blosse Füsse, kurzes Haar, Sonnenbrille: So taucht sie in ihrer Geschichte auf. Ibsen hat ihr Gesicht und Gestalt von edler, vornehmer Bildung gegeben, Haar von mittelbrauner Farbe, «aber nicht sonderlich stark», und ein geschmackvolles, «etwas lose sitzendes» Morgenkostüm. Damit kann aber diese Hedda nicht leben. Auch nicht mit der Geschichte, in der sie ihren Mann mit ihrem ehemaligen Geliebten betrügen muss – den sie dann in den Tod zwingt. Jana Schulz reisst schon jetzt die Verpackungsfolie ganz herunter. Und alles passt. Die Bühne, die so eine Art Sperrholz-Raumschiff (von Claudia Rohner) ist, gehört ihr ganz. Zu den Sternen, die an der Decke angebracht sind, kommt sie aber nicht. Jana Schulz leuchtet für sich. Über alles hinaus, was in ihre Geschichte hineingeschrieben ist. Eigentlich müsste sie eine Frau sein, vor der alle Männer klassisch Angst haben: der Ehemann wie die Liebhaber ex und in spe. Das Schicksal würde sie dann in die Schranken weisen. Denn mit Männern und Pistolen spielt eine Frau nicht ungestraft – so etwas tut man doch nicht! Und eigentlich müsste sich diese Hedda am Schluss selber mit der Pistole erschiessen. Macht aber Jana Schulz nicht. Sie will nicht still bleiben. Verführung und Unterwerfung Zwischentöne kennt die Inszenierung zum Glück nicht, alles ist ein bisschen greller, auch knalliger. Das verzerrt auch die Verhältnisse. Sehr schräg kommen die Männer daher: Ehemann Tesman ist ein Waschlappen, der sich mit so sexy Sachen wie Mittelalterhandwerk abgibt – dementsprechend blass gibt ihn Felix Rech. Er kungelt mit dem noch schrägeren Richter Brack herum, Matthias Redlhammer ist ein rechter Geck. Mit im Herrenabend-Tross: Lövborg, der auf Kulturmensch macht, aber schnell wieder versumpft (Florian Lange trinkt eine ganze Bowle ex) – und sich dann liebend gern wieder von einer Frau aufrichten lässt. Aktuelle Muse ist Frau Elvstedt (Minna Wündrich, sensationell unmusisch). Das ist der Katalog von Menschen, mit der sich Hedda herumschlagen muss, und was kein Wunder ist: Sie hat den ganzen Tanz recht satt. Sie probiert mit allen, Männern und Frauen, das Spiel von Verführung und Unterwerfung aus, aber kein Mann, keine Frau kommt an sie heran. Grossartig macht das Jana Schulz – nichts wirkt in ihrer Vorstellung billig. Roger Vontobel gibt dem Spiel den Rahmen. Und da ist nichts zu platt. Ein General (der kleinwüchsige Gisbert Görke) geistert auch noch auf der Bühne herum. Und die (lokalen) Gabler Kids, die nach seinem Gesicht geschminkt sind, haben auch noch ihren Auftritt. O. k., der Schluss mit den Tiermasken ist ein bisschen aufgesetzt. Aber damit kann diese Hedda leben. Hedda Gabler Theater Winterthur, noch heute Freitag, 19.30 Uhr. Soll man hingehen? Ja doch!

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