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Der Liebeswunschtraum auf Probe

Drei Menschen suchen das kleine Glück. Regisseurin Katka Schroth macht aus Jaan Tättes Stück «Bungee Jumping» im Theater Kanton Zürich eine verwunschen-schöne Sache.

Gegen das Ende, wenn das ganze Theater wieder von vorn beginnen könnte, nimmt ein Mann, der neu ins Spiel gekommen ist, die Personalien der Schauspieler auf. Er sagt: Ausweise bitte!, und notiert: Andreas Storm, Miriam Antonia Wagner, Brencis Udris. Vorher waren die Schauspieler noch Osvald, Laura, Roland gewesen. Jetzt aber fallen sie endgültig aus ihren Rollen. Jeder, der vom Wolkenkuckucksheim träumte, hat wieder eine feste Adresse. Fertig ist mit Wünsch dir was. Der Mann (der natürlich auch einen Namen hat: Stefan Lahr) ist so etwas wie die Theaterpolizei. Er bringt in Katka Schroths Inszenierung von Jaan Tättes Stück «Bungee Jumping», das nun im Theater Kanton Zürich zu sehen ist, zum Schluss die Ordnung zurück. Von nun an ist alles wieder geregelt, was sich früher in der Wunschtraumvorstellung verlor. Erstens: Das Glück ist nicht für Geld zu haben. Zweitens: auch nicht die Liebe. Und schon gar nicht Pizza mit Peperoni drauf. Man merkt nicht erst hier: «Bungee Jumping» ist eine Komödie. Die ganze Zeit haben Osvald, Laura, Roland davon geträumt, dass auf Bestellung vom Leben alles (siehe oben) zu haben ist. Von ihrem Wunsch bekommen sie aber keinen Bissen ab. Und doch stehen am Schluss alle happy auf der Bühne. Denn sie wissen: neues Spiel. Neues Glück. Ein Theatermärchen Mit dem Bruch der Illusionen hat auch die Aufführung begonnen. Andreas Storm wischt da mit einem Wischmopp die Bühne. Viel ist da nicht zu moppen. Also macht der Schauspieler noch ein paar Dehnübungen, klettert die Leiter hinauf zu der Scheinwerfertraverse und schaut ins Publikum. Man wartet. Brencis Udris und Miriam Wagner hüpfen dann heran, sie umarmen sich noch schnell, toi, toi, toi, und verschwinden wieder. Noch hat das eigentliche Theater nicht begonnen. Schon aber spielen alle wie auf Probe. Andreas Storm tritt in roter Jacke, einem sehr wild gemusterten T-Shirt und grüner Trainerhose auf. Brencis Udris in ausgefransten Jeans und Pullover. Miriam Wagner dann im Goldmariekostüm (Ausstattung: Christian Beck). Alle sind parat für eine Party, die ein Stück sein wird. Es heisst mit dem vollen Titel «Bungee Jumping oder Die Geschichte vom Goldenen Fisch». Jaan Tätte, 1964 in Estland geboren, war einst der Shootingstar der jungen Szene. Sein erstes Stück, das eine ganz eigenartige Version eines Märchens ist, wurde gleich in acht Sprachen übersetzt. «Bungee Jumping» heisst es auf Deutsch, weil Laura so gerne am Seil aus grosser Höhe springt. Weitere Stücke von Tätte sind mit der Zeit dazugekommen, wie «Die Brücke» oder «Viel Glück zum Alltag!». Es sind alles Elchtests über das Leben heute zwischen Vorstellung und Wirklichkeit. Eigentlich ist es ja eine unmoralische Geschichte. So jedenfalls wird «Bungee Jumping» immer wieder beschrieben. Der Inhalt: Ein junges Paar, unterwegs per Autostopp zu einem Fest, landet in der Pampa. Im Haus des Einsiedlers Osvald wollen sie die Nacht verbringen. Dieser aber will nur die Frau haben (und zwar für immer und ewig) und macht Roland ein Angebot: Eine Milliarde Dollar wäre das Entgelt für das Subito-Abstandnehmen von Laura, und zwar in bar. Durchexerziert wird dann in der Folge die Möglichkeitsform dieser Anlage. Das Trio spaltet sich auf – und findet sich immer wieder in neuen Konstellationen. Ganz allein aber sucht jede Figur hier den Weg zum Glück. Kein Wunsch wird sich aber am Schluss erfüllen. Und doch gibt es ein Happy End. Wie gesagt: eine Komödie. Komödien soll man aber nie trauen.Wenn nun Katka Schroth, die den gleichen Jahrgang wie Jaan Tätte hat, «Bungee Jumping» für das Theater Kanton Zürich inszeniert, hält sie sich der Spur nach an die Vorlage. Nur: Die Regisseurin aus Berlin sieht in diesem Stück noch andere Möglichkeiten. Auf Probe steht die Arbeit für das Theater selber. Aber auch hier stellt sich die Frage nach dem Glück. Und nach den Grenzen der Bühne. Verwandlung und Aneignung Die Schauspieler schaffen sich hier selber den Raum, der eine Welt für sich ist. Wenn Brencis Udris die Bühne betritt, tut er so, als müsste er zuerst eine Türe öffnen. Andreas Storm hingegen sagt nur: Türe auf!, als ginge für ihn alles automatisch. Ganz unterschiedlich sind die Spielarten, die hier in dieser Inszenierung vorgeführt werden, von pseudorealistisch bis postmodern. Und das geht auch auf den Keks. Denn manchmal stehen beide Männer auch ganz ausserhalb des Stücks. «Irgendwie störst du mich», sagt dann Andreas Storm, ganz vertieft in seinem Spiel, zu Brencis Udris, «geh von der Bühne.» Männer unter sich: Die beiden erfinden sich als Osvald und Roland immer neu. Und zeigen auch, dass sie wissen, was mit ihnen so läuft. «Jetzt habe ich vier Seiten ganz für mich», sagt Andreas Storm zum Publikum – und zeigt, wie er sich in einen anderen Zustand bringen kann. Die Erzählung, wie er zum Geld gekommen ist, ist ganz Poesie, und sein Osvald geht ganz in diesem Märchen auf. Keine Grenzen des Spiels hat Miriam Wagner: Ihre Laura passt sich den wechselnden Verhältnissen an – und bleibt doch immer bei sich. Irgendwie gleicht diese Figur der Vorstellung vom Goldenen Fisch, von dem alle glauben, mit ihm erfülle sich jeder Wunsch. Jeder Liebeswunschtraum ist aber immer nur auf Probe. Und Pizza mit Peperoni drauf gibt es hier garantiert nicht. Schauspieler müssen hungrig bleiben. www.theaterkantonzuerich.ch

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