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Der Luftkurort und das Megaprojekt

In Amden wollen die EKZ die grösste Fotovoltaikanlage der Schweiz bauen. Das Sonnendorf begrüsst die Idee. Pro Natura stellt sich gegen das Projekt und hat Rekurs eingelegt. Für Amden wäre das Kraftwerk eine logische Konsequenz.

Wohin man sich dreht, wohin man sich wendet – in Amden hat man überall eine eindrückliche Aussicht: hinunter auf den Walensee, der in einem kühlen Blau leuchtet, wenn die Sonne auf ihn scheint, hinüber in die Linthebene und ins Glarnerland, hinauf zu Federispitz, Speer, Mattstock, Gulmen, Leistchamm. Doch den Steinbruch Schnür, um den es hier geht, sieht man nicht. Genauso wenig, wie man in die Zukunft sieht. Sie liegt verborgen hinter Schleiern der Ungewissheit, wie der Steinbruch oft unter der Wolkendecke. Wenn der Himmel im Unterland verhangen ist, in Herbst und Winter, dann reicht der Hochnebel bis etwa 800 Meter über Meer. Bis dort, wo von der Amdener Sonnenterrasse der Fels abbricht zum Walensee hinunter. Das Dorfzen- trum liegt auf 910 Metern. Seit über hundert Jahren ist Amden, der Luftkurort, eine Destination für Touristen. In den letzten Jahren ist der Hochnebel zwar immer häufiger bis auf 1200 Meter gestiegen. Trotzdem kommen die Touristen unentwegt hierher, zum Wandern oder zum Skifahren. Der Zweitwohnungsanteil liegt bei 40 Prozent. Doch viele bleiben nicht mehr über Nacht: Eine Stunde ist es im Auto bis Zürich, eineinhalb mit Postauto und Schnellzug. Im «Tessin der Ostschweiz» 2013 wird das Postauto zu Pendlerzeiten doppelt so oft nach Ziegelbrücke fahren, Halbstundentakt, die Gemeindeverwaltung wirbt aktiv um Zuzüger und gibt sich das Image einer Enklave der heilen Welt, wo man sich noch kennt und Anteil am Dorfleben nimmt. 1629 Amdener, die sich Ammler nennen, wohnen auf einem Gemeindegebiet von 44 Quadratkilometern – halb so gross wie das Stadtgebiet von Zürich. In den Ortsteilen Fli und Betlis unten am See, auf 450 Metern, ist das Klima gemässigt, man spricht von der «Riviera» oder dem «Tessin der Ostschweiz». Auf 2100 Metern oben auf dem Leistchamm bewegt man sich in alpinem Gebiet, es gibt Verbauungen gegen Lawinen. 50 bewirtschaftete Alpen liegen auf Gemeindegebiet und mehrere Hochmoore. Amden ist stolz auf seine Natur. Die Elektrizitätswerke des Kantons Zürich (EKZ) waren willkommen, als sie ein Projekt für ein Fotovoltaik-Kraftwerk in Amden ausar­bei­te­ten. Gross soll es werden, 80 000 Quadratmeter oder elf Fussballfelder, das grösste der Schweiz, und Strom für 1400 Haushalte soll es produzieren können. Doch ob das 30-Millionen-Projekt im Steinbruch Schnür wirklich gebaut wird, ist unsicher. In die Zukunft sieht man nicht: Bereits gegen die 80 Qua- dratmeter grosse Testanlage hat Pro Natura Rekurs eingelegt. Urs Roth ist vollamtlicher Gemeindepräsident Amdens. Er ist ein freund- licher, korrekter Mann, seit dreissig Jahren in der Gemeinde zu Hause, Vater, CVP-Kantonsrat und ein entschiedener Befürworter des EKZ-Projekts. Aus den Fenstern seines Büros blickt er auf den Walensee und auf die Gemeinde Quarten am anderen Ufer. Manchmal, sagt er, müsse er sich bewusst machen, wie schön es hier sei. Dabei ist sich Roth bewusst, dass es auch anders aussehen könnte in seiner Gemeinde, aber er sagt: «Unsere Vorgänger haben dafür gesorgt, dass wir eine intakte Umgebung haben.» Die Natur rund um das Siedlungsgebiet ist bewahrt und stellt heute das grosse Kapital der Gemeinde dar. Der Gemeindepräsident will Ähnliches tun, zumindest dabei helfen, in einem grösseren Massstab. Im Kantonsrat hat er mit einem Ratsnachbarn über den Atomausstieg der Schweiz diskutiert und über den Engpass in der Stromversorgung, mit dem man rechnen muss. «Es gibt nicht von heute auf morgen eine Lösung», sagt Roth, «aber diese Fotovoltaikanlage ist ein Anfang.» Finan- ziell würde Amden nicht viel gewinnen: Die Steuereinnahmen durch das Projekt, sagt Roth, wären marginal. Heute herrsche ein Egoismus, der die Menschen nur an ihre eigenen Bedürfnisse denken lasse. Nur wenige dächten an die kommenden Generationen. Zu denen, die sich kümmern, zählt er auch Pro Natura. Aber er sagt: «Pro Natura tut mir leid. Sie hat sich da in etwas verrannt.» Es müsste im Interesse der Naturschützer sein, dass mit einer Anlage dieser Grössenordnung Erfahrungen gesammelt werden könnten – im Hinblick auf die künftige Ener­gie­produktion. Doch der Steinbruch Schnür liegt in einer Schutzzone, die vom Bund als erhaltenswert eingestuft und inventarisiert wurde. «Das ist sicher schon zwanzig Jahre her», sagt Gemeindepräsident Roth. Er steht auf und sucht den Plan des BLN-Objekts Nr. 1613 hervor. Innerhalb eines BLN-Gebiets darf nicht gebaut werden. Deshalb stellt sich Pro Natura auf den Standpunkt, auch die Fotovoltaikanlage dürfe nicht realisiert, der Steinbruch müsse renaturiert werden. Mosaikstein in Schutzzone «Die Gemeinden konnten sich zur Inventarisierung nicht äussern», sagt Roth. Man sei froh gewesen, dass das Siedlungsgebiet ausgespart worden war. Doch nun zeigen sich die Folgen. Gegen das Projekt gibt es abgesehen von Pro Natura keine Gegner. Der Rekurs blockiert den Bau. Objekt Nr. 1613 umfasst das Nordufer des Walensees, bis hinauf zum Berggrat, teilweise bis ins Toggenburg hinunter. Der Steinbruch Schnür ist ein kleiner Mosaikstein. Bereits vor der Inventarisierung wurde dort Schotter für die Gleisbetten der SBB abgebaut. Ledischiffe transportierten das Material über den See – es gibt keine Strasse dorthin. Die Fotovoltaikplatten sollen wie ein Vorhang vor dem Steinbruch hängen. Gegen den Steinschlag und damit am Fels wieder etwas wachsen kann. Urs Roth sagt, die EKZ leisteten Pionierarbeit. «Das muss gebaut werden können», sagt er, «sonst verstehe ich die Welt nicht mehr.» Doch noch ist nicht entschieden, ob die Anlage in BLN-Gebiet gebaut werden darf. Und in die Zukunft sieht man nicht.

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