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Der Mann mit dem Ohr am Radio

So hat ihn sich die erste Sek-A-Klasse im Schulhaus Lindberg vorgestellt: Naturbursche, macht Musik aus Leidenschaft, Familienmensch, ist mit Rihanna in den Kindergarten gegangen. Um zehn vor zwei steht der so Beschriebene im Klassenzimmer: William White, Winterthurer Musiker mit Wurzeln in Barbados, Wohnort im Berner Oberland und CDs in den Charts. Er kommentiert als Erstes die Charakterisierungen der Klasse: Nein, Rihanna komme zwar auch aus Barbados, er kenne sie aber nicht. Sie sei einiges jünger, deshalb keine Kindergartenbekanntschaft. Aber ihre Familie kenne er sehr wohl, denn Barbados sei sehr klein. Und ja: Er sei gerne in der Natur. «Ich bin ein Erdmensch, oft am Gärtnern und mag alles, was wächst und krabbelt.» Auch Familienmensch sei richtig: Die Tochter ist elf, der Sohn sieben, und nichts ist ihm lieber, als die beiden aufwachsen zu sehen: «Da kommt so viel zurück, mehr als du je geben kannst.» Und die Leidenschaft? Hier ist William White in seinem Element. Er ist keiner, der kurz spricht, sondern er versucht, seine Gedanken den 12- und 13-Jährigen verständlich zu machen. Und es ist still wie sonst wohl kaum je in der Klasse von Manuela Graf, wenn er erzählt und philosophiert. William White stand nicht auf der Promi-Liste, die interessierten Lehrkräften abgegeben worden war für Gespräche im Klassenzimmer anlässlich des Stadtjubiläums. Manuela Graf jobbte während des Studiums in Winterthurer Altstadt-Cafés, White war zur selben Zeit auch im Service tätig. Nach Feierabend traf man sich gelegentlich zum Mitternachtsbier. Und noch einen Zusammenhang gibts zwischen dem Schulhaus Lindberg und dem Sänger. Der heutige Abwart, Alex Klemke, war bis vor sieben Jahren Perkussionist in Whites Band. Anschliessend an das Klasseninterview gaben die beiden ein kurzes Konzert im Singsaal des Schulhauses – es klang, als hätten sie nie aufgehört.

Die Klasse hat einen ganzen Reigen von Fragen vorbereitet; die Moderatorinnen aber sind clever und fragen nicht einfach von 1 bis 32 durch, sondern passen sich jeweils den Aussagen des Interviewten an. Wann er angefangen habe, Musik zu machen, und ob er schon als Kind Sänger habe werden wollen. Er sei aufgewachsen mit dem Ohr am Radio, erzählt White. Und dieses Radio sei eigentlich nur ein kleiner Lautsprecher gewesen mit einem langen Kabel dorthin, wo das Empfangsgerät stand. Zwei Sender, nicht Hunderte wie hier, habe es damals auf Barbados gegeben. Und es habe eine ganze Weile gedauert, bis er realisiert habe: «Die Musik kommt ja nicht einfach so aus dem Radio, es muss auch Leute geben, die diese Musik spielen und dieses Gefühl erzeugen.» Also habe er zu spielen begonnen auf allem, was ihm in die Finger kam. Erst viel, viel später, mit etwa 25 und nach einem begonnenen Studium in der Schweiz, habe er sich zum Sängersein entschieden – und sei doch stets das Kind mit dem Ohr am Radio geblieben: «So kam die Musik zu mir zurück.»

Ein Star will er nicht sein. Als White das Wort Promi-Liste hört, schüttelt er den Kopf. Und warnt die Jugendlichen davor, alles zu glauben, was über die Stars in den Gazetten steht, die Glanz und Gloria versprechen: «Ich lese oft Sätze über mich, die ich nie gesagt oder nicht so gemeint habe.» Er weigere sich, in diesem Business mitzumachen, denn «das ist nicht echt. Da wird so viel gesagt und geschrieben, nur damit ihr Fans werdet und die Firmen Geld verdienen können.» Und dann ist da natürlich noch die Frage nach einer Rückkehr nach Barbados. «Alles stimmt, was man sich vorstellt: Die Sonne scheint, man hängt ab am Strand. Aber arbeiten müssen die Leute auch und verdienen nicht so viel dabei.» Doch ja, er denke oft daran, wie es wäre, wieder dort zu leben.

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