Zum Hauptinhalt springen

Der Moment vor dem grossen Boom

Bald wird Ghana abheben. Nicht nur wegen des Erdöls, von dem sich Investoren einen Boom versprechen. Auch der Unternehmer Ebenezer Mireku glaubt an den ­Aufschwung. Mireku steht im Zentrum des Dokumentarfilms «Take Off» von Bruno Moll, der ab Donnerstag im Rahmen des Festivals Afro-Pfingsten im Kino Loge 3 läuft.

Obwohl seine Voraussetzungen nicht günstig waren, schaffte er das, wovon viele träumen, die heute Afrika verlassen: in Europa ankommen und es hier zu etwas bringen. Nach der Geburt in einem kleinen Dorf in Ghana und einem Leben als Strassenkind gelangte Ebenezer Mireku mit 19 Jahren nach Hamburg, wo er sich zum Krankenpfleger ausbilden liess. Von da kam er schliesslich in die Schweiz. Er holte die Matura nach und studierte in St. Gallen Nationalökonomie und Betriebswirtschaft. Sein Ziel sei es immer gewesen, so viel wie möglich zu lernen und dann zurückzukehren, sagt Mireku im Film «Take Off» von Bruno Moll. Seit 1988 ist der 1951 geborene Mireku in Ghana als Berater und Unternehmer tätig. In einem Land, das fünf- bis sechsmal so gross ist wie die Schweiz, dreimal so viele Einwohner hat und über siebzig Sprachen kennt. Seit zehn Jahren arbeitet der unverwüstliche Optimist, der heute in der Hauptstadt Accra lebt, an einem Traum: Die einst von den Engländern gebaute und längst verkommene Eisenbahnlinie will er wieder instand setzen und so den Süden des Landes mit dem Norden verbinden. Ruhiger Dokumentarfilm «Take Off» ist – nach «Hungerzeit» (1987) und «Ghana–St. Gallen retour» (2006) – schon der dritte Film des Schweizer Dokumentarfilmers Bruno Moll, in dem Ebenezer Mireku im Zen­trum steht. Zu Wort kommen diesmal auch andere, eine Radiojournalistin etwa, ein Besitzer einer Garnfabrik, ein Priester irischer Herkunft, ein Lehrer und seine Mutter und ein junger Mann, der von selbst gewobenen Schals knapp leben kann: Der ruhige Film ist ein Mosaik aus Einzelschicksalen. Zusammengehalten wird er von der Frage, wie es mit diesem Land weitergehen soll, das wirtschaftlich gesehen in Afrika als Musterschüler gilt. Es wird viel philosophiert in diesem Film, allen voran von Mireku, auch der Fabrikbesitzer und der Priester kommen ausführlich zu Wort. Nicht immer haben sie Erhellendes zu sagen. Über ein angekündigtes Projekt mit arbeitslosen Ju­­gend­lichen erfährt man nichts. Dafür erzählt der Garnhändler ausführlich, wie er seine Fabrik aufgebaut hat. Wenn er, der die lokalen Weber mit Garn versorgt, erklärt, warum er inzwischen ein Drittel der Ware aus China importiert, dann streift der Film immerhin die Realität der globalisierten Wirtschaft. Die Frauen, die in seinem Betrieb arbeiten, bleiben hingegen stumm. Vor dem Abflug Es sind längst nicht mehr nur europäische Firmen, die in Ghana investieren. Auch der erste, inzwischen abgesprungene Investor von Mirekus Eisenbahnprojekt kam aus China. Indische und chinesische Bauarbeiter lassen in Accra Hotels, Bürohochhäuser und Einkaufszentren aus dem Boden wachsen. Sie spekulieren auf die reichen Erdölvorkommen, die Ghana in den kommenden zehn Jahren einen Boom bescheren sollen. Auf dieses Wachstum setzt auch Ebenezer Mireku, wenn er erklärt: «Wir befinden uns jetzt gerade beim Take-off.» Bald abheben soll Ghana also, zum Höhenflug ansetzen, nicht nur dank dem Öl, wie Mireku dann noch hinzufügt. Nicht verändert hat sich das ökonomische Ungleichgewicht: Bis heute ist Ghana vor allem Rohstofflieferant – Gold, Bauxit, Kakao, Öl – und Absatzmarkt für Güter aus dem Westen sowie neu aus China. Hingegen sind die Bauern chancenlos gegen die subventionierten Produkte aus Europa und Nordamerika. Allgemeinplätze «Was schnell kommt, verschwindet auch schnell»: Das ghanaische Sprichwort, das zu Beginn des Films eingeblendet wird, könnte für ein traditionelles und nachhaltiges Denken stehen, wie es in der Schweiz gerade Konjunktur hat – der Film vermittelt nicht den Eindruck, als könnten solche Ideen in Ghana etwas ausrichten. In seiner Dissertation hat Mireku über den Zusammenhang von «Weltanschauung und Entwicklung» geforscht. Seine Statements in diesem Film bleiben jedoch allzu oft im Allgemeinen stecken. Das gilt auch für den Stand des Eisenbahnprojekts; in Erinnerung bleiben einem vor allem mit Gras überwachsene Schienen. Dennoch ist der Film sehenswert. Vor allem dank den vielen unspektakulären Bildern aus dem Alltag dieses Landes. Und dank Aussagen wie dieser: «Ich glaube nicht, dass Gott in seiner Weisheit beschlossen hat, dass uns etwas fehlen soll», sagt die Mutter des Lehrers, die selbst Lehrerin war und stolz darauf ist, dass sie ihrem Sohn ein Studium finanzieren konnte. Herzhaft lachend beschreibt sie das Entwicklungsschema, das ihr vorschwebt: dass Wohlstand und Ansehen von Generation zu Generation steigen sollen. Eine Denkweise, die uns doch vertraut vorkommt. «Take Off», Kino Loge, 5. bis 11. Juni

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch