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Der nächste Wolf kommt bestimmt

Der Kanton Zürich fördert die Rückkehr des Wolfs nicht aktiv. Aber er bereitet sich auf eine natürliche Wiederansiedlung des Raubtieres vor, das Ende des 19. Jahrhunderts in der Schweiz ausgerottet worden war.

«Wir gehen nicht davon aus, dass der Kanton Zürich für den Wolf grundsätzlich als bevorzugtes Siedlungsgebiet infrage kommt», sagt Urs Philipp, Leiter der kantonalen Fischerei- und Jagdverwaltung. Aber obwohl der Wolf an sich menschenscheu ist, beschränkt er sich nicht auf die einsamen, unzugänglichen Regionen. Das hat sich im vergangenen Juni gezeigt: In Schlieren ist ein Wolf von einem Zug überfahren worden. «Jungwölfe können wie auch ältere Tiere auf ihrer Wanderschaft durch den Kanton ziehen», sagt Philipp. Denkbar sei auch, dass ein Rudel dereinst den Sihlwald oder das Zürcher Oberland als einen Teil ihrer grossen, 200 Quadratkilometer umfassenden Reviere nutzen werde.

Für den Kanton Zürich ist klar: «Der Wolf gehört zur einheimischen Fauna und wandert natürlicherweise ein.» Darauf will er nun vorbereitet sein. Er hat deshalb einen «Handlungsleitfaden Wolf» erarbeitet.

Wolf macht Wild gesünder

Darin halten die Verantwort­lichen des Amtes für Landschaft und Natur fest, dass die Wildtierbestände im Kanton Zürich «durch die Anwesenheit des Wolfes in ihrem Bestand nicht bedroht sind». Zwar jagen Wölfe vor allem Hirsche, Rehe, Gämsen und Wildschweine. Doch dürfte es lediglich in bestimmten Gebieten allenfalls «temporär zu einem Rückgang und einer räumlichen Verschiebung einzelnen Wildarten kommen». Der Wolf, der insbesondere geschwächte Tiere oder unerfahrene Jungtiere erbeutet, trage zur natürlichen Regulation der Wildbestände ein. «Wildtierbestände sind bei Grossraubtierpräsenz nachweislich gesünder.»

Die Gefahr von Übergriffen auf Schafe oder andere Nutztiere durch einwandernde oder durchziehende Wölfe sei nur schwer abzuschätzen, sagt Urs Philipp. Es gibt diesbezüglich verschiedene Studien: Wölfe haben bisher in der Schweiz vor allem Schafe in Sömmerungsgebieten gerissen. In Siedlungsnähe hat das geschützte Raubtier bis jetzt nur vereinzelt Nutztiere angegriffen. Insgesamt liegt die Zahl der jährlich durch den Wolf gerissenen Schafe und Ziegen in der Schweiz bei 100 bis 350 Stück – bei über 500 000 Tieren entspricht dies einem Anteil von unter 0,1 Prozent. Urs Philipp mag nicht in solchen Prozentzahlen rechnen: «Für den betroffenen Schafhirten ist jeder Einzelfall schlimm.» Deshalb sei auch dieser «Handlungsleitfaden Wolf» erarbeitet worden, der bei weiteren Besuchen des Raubtieres zur Anwendung kommen soll. Zudem hat die Zürcher Regierung an der landwirtschaftlichen Ausbildungs- und Beratungsstelle Strickhof in Lindau einen Herdenschutzbeauftragten ernannt, der Interessierte kostenlos informiert. Denn «Landwirte und private Nutztierhalter werden nicht darum herumkommen, ihre Tiere in Zukunft besser zu schützen», heisst es im Leitfaden.

Wanderfreudiges Tier

Seit vergangenen Juni, als es ein Tier aus dem Calanda-Rudel bei Chur bis nach Schlieren geschafft hatte, sind bei der kantonalen Fischerei- und Jagdverwaltung einige weitere Meldungen von Wolfssichtungen eingegangen. Bestätigt haben sich bislang keine. Es dürfte aber nur eine Frage der Zeit sein, bis ein Wolf im Kanton gesichtet wird: «Pro Tag wandert ein Wolf bis zu 60, 70 Kilometer», sagt Urs Philipp. Angesichts solcher Distanzen sei der Calanda, wo sich nachweislich ein Rudel aufhält, nicht weit entfernt.

Ende des 20. Jahrhunderts waren aus Norditalien und Frankreich erstmals wieder wild lebende Wölfe in die Schweiz eingewandert. Seither hat sich die sowohl international als auch national geschützte Tierart zunehmend angesiedelt. Wölfe sind grundsätzlich anpassungsfähig, was ihren Lebensraum betrifft. Sie können sich auch in Kulturraum ansiedeln – sofern genügend Wild als Nahrungsbasis vorhanden ist. Die bevorzugten Reviere des Wolfes liegen aber in gut bewaldeten Berggebieten. Experten gehen davon aus, dass der Lebensraum in der Schweiz für bis zu 300 Tiere ausreicht, falls sich die Population ungehindert entwickeln könnte. Derzeit dürften ungefähr 25 bis 30 Wölfe in der Schweiz leben. Nachweislich gesichtet wurden sie in 16 Kantonen. Einmal in Zürich. In den Aargau oder ins Schaffhausische hat er es bisher nicht geschafft.

Letztes Mittel: Der Abschuss

Würde ein Wolf im Kanton Zürich erhebliche Schäden anrichten, könnte er gemäss dem gestern publizierten Handlungsleitfaden auch abgeschossen werden. Dies allerdings erst als «letztes Mittel, falls alle praktikablen und finanzierbaren Herdenschutzmassnahmen nichts bewirken». Breitet sich der Wolf aber in der Schweiz erwartungsgemäss aus und wird das einst heimische Tier wieder heimisch, ist auch dies keine Option mehr. Dann stellen, wie im Leitfaden auch festgehalten wird, «Abschüsse von Einzeltieren keine längerfristig wirksamen Präventionsmassnahmen dar». Denn es folgten einfach weitere Tiere nach. Oliver Graf

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